„Fremde zu umarmen, kann zu einem besseren Miteinander führen“

Fil Kirchner tourt mit seiner Milonga Pippo durch Berlin. Hier erzählt er, warum er dafür keine Mühen scheut, was einen guten Tanzort ausmacht – und wie Tango die Integration fördern kann.

+++++ Das Interview wurde im Sommer 2019 geführt. Gerade muss auch Pippo pausieren. Ich freue mich schon sehr darauf, in der Post-Corona-Zeit gemeinsam mit Fil neue Locations zu erkunden und Freunde genauso wie Fremde zu umarmen! +++++

Fil Kirchner begrüßt Milongagäste immer wieder an neuen Orten in der Stadt. Foto: Viktoria Fedirko

Mal lädst du Tangotänzer in den Ballsaal des Rixdorfer Löwen ein, mal ins jüdische Gemeindezentrum in Charlottenburg – warum wechselst du mit deiner Milonga Pippo so häufig die Location?

Damit es nicht langweilig wird. Bei einer Milonga mit festem Ort setzt irgendwann die Routine ein. Das will ich vermeiden. Außerdem gibt es in Berlin noch so viele schöne Räume zu entdecken.

Was braucht ein Ort, damit dort eine Milonga funktioniert?

Natürlich einen guten Boden und ausreichend Platz. Am stärksten lasse ich mich aber davon leiten, ob ich selbst in dem Raum tanzen möchte. Dann schaue ich, ob der Betreiber bereit ist, seinen Raum für eine Milonga zur Verfügung zu stellen. Das ist nicht immer leicht.

Was sind die Hindernisse?

Manch einer hat Angst, der Boden könnte leiden. Andere gucken nur auf den Umsatz, der sich mit dem Getränkeverkauf erzielen lässt. Bei Vereinen oder größeren Organisationen ist es manchmal schwierig, den Verantwortlichen zu erwischen und zu einer Entscheidung zu bewegen. Dass sich Nachbarn gestört fühlen, kommt zum Glück so gut wie nicht vor, weil die Milonga am Nachmittag und frühen Abend stattfindet.

Fil Kirchner

  • In Berlin aufgewachsen
  • Arbeitet als Geschäftsführer bei einem ambulanten Pflegedienst
  • Tanzt Tango seit 2010
  • Organisiert Milongas seit 2014
  • Veranstalter der Milonga Pippo

Wie erfährst du von schönen Locations?

Durch Empfehlungen von Bekannten, insbesondere durch Tänzerinnen und Tänzer. Manchmal stoße ich selbst auf einen Raum. Wer einen Tipp hat, kann mich gern bei Facebook kontaktieren!

Wie wurdest du zum Milongaveranstalter?

Nachdem ich ein paar Jahre als Tänzer in Berlin unterwegs war, kannte ich so ziemlich jede Milonga in der Stadt. Es fehlte mir allerdings ein Format für jüngere Leute. 2014 haben dann Olaf Kroll und ich am Strausberger Platz gemeinsam unsere erste Milonga veranstaltet. Die lief eine Zeit lang immer donnerstags. Irgendwann hatten wir keine Kraft mehr, die Nacht durchzumachen und am nächsten Morgen ins Büro zu müssen. Deshalb habe ich für Pippo auch ganz bewusst den Samstagnachmittag als Slot gewählt.

Pippo findet regelmäßig im Neuköllner Refugio statt. Das ist ein Ort, der geflüchteten Menschen beim Ankommen in Berlin hilft. Kann Tango die Integration fördern?

In der Berliner Tangoszene sind schätzungsweise Menschen aus 30, 40 Nationen aktiv. Sie alle können sich über die gemeinsame Tanzsprache miteinander verständigen – das wirkt aus meiner Sicht integrierend. Allerdings stößt der Tango dort an seine Grenzen, wo religiöse oder kulturelle Gepflogenheiten solch eine körperliche Nähe nicht erlauben, wie sie im Tango üblich ist. Ganz allgemein kann Tango aber dabei helfen, Vorbehalte abzubauen. Als Tänzer umarmen wir ständig fremde Menschen und das trägt sicher auch zu einem besseren Miteinander außerhalb der Tanzfläche bei.

Mehr Interviews mit Berliner Tangoschaffenden findest du hier und im Tango-Guide Berlin.