„Viele werden durch den Tango offener, gehen bewusster durchs Leben“

Gaia Pisauro und Leandro Furlan unterrichten seit 15 Jahren gemeinsam. Warum man beim Tangolernen viel Geduld braucht, aber auch mal was riskieren sollte, erklären die beiden im Gespräch.

+++++ Das Interview stammt aus dem Jahr 2019. Aktuell sammeln Gaia und Leandro für ein sechsköpfiges Kollektiv aus Lehrer/innen und DJs Spenden via Crowdfunding, um durch die Coronazeit zu kommen. Hier geht es zu Gaias Online-Unterricht. Leandro hält uns derweil mit seinen Definitionen zentraler Tango-Begriffe auf Facebook bei Laune. Gracias! +++++

Gaia Pisauro und Leandro Furlan

Gaia Pisauro und Leandro Furlan sind ein eingespieltes Team. 
Foto: Ishka Michocka

Gaia, wie bist du zum Tango gekommen?

Gaia: Ich wollte schon immer Tänzerin werden und habe in Rom klassischen und modernen Tanz studiert. Irgendwann sah ich ein Tangostück im Theater und bekam einen Flyer für Tangounterricht in die Hände. So ging es los. Obwohl ich viel Tanzerfahrung hatte, musste ich die Grundlagen Schritt für Schritt lernen. Ich reiste häufig nach Buenos Aires und nahm auch dort Unterricht. Parallel begann ich, selbst Tango zu unterrichten. 

Leandro, bist du als Argentinier mit Tango aufgewachsen?

Leandro: Meine Eltern haben zu Hause Tango gehört. Sie sind in ihrer Jugend auf Milongas gegangen, so wie man hier in die Disko geht, um jemanden kennenzulernen. Ich bin mit Anfang 20 nur meiner Freundin zuliebe in den Tanzunterricht gegangen. Mir hat es dann doch gefallen, aber erst habe ich nur nebenbei getanzt und ab und zu einem Lehrer assistiert.

Und wann hast du Tango zum Beruf gemacht?

Leandro: Nachdem ich zu Gaia nach Berlin gezogen war. Ich hatte sie in Buenos Aires bei einer Milonga im Salon Canning kennengelernt.

Gaia: Er wollte eine Zigarette von mir haben. 

Leandro: Getanzt haben wir an dem Abend auch. Und kurz danach bin ich mit nach Berlin gegangen und wir haben geheiratet. Gaia hat damals mit anderen Lehrern unterrichtet. In den ersten Jahren hatten wir nur einen Kurs zusammen, dann wurde das nach und nach mehr.

Gaia Pisauro & Leandro Furlan: 

  • Gaia ist in Rom aufgewachsen, Leandro im argentinischen La Plata
  • sie zog 2002 nach Berlin, er folgte 2005
  • unterrichten seit mehr als 15 Jahren
  • gehören zum Team von Nou Tango Berlin
  • veranstalten dienstags eine Milonga
  • leandroygaia.com

Heute gibt es euch fast nur im Doppelpack: Ihr unterrichtet gemeinsam, reist für Workshops durch Europa, veranstaltet Milongas. Dabei seid ihr kein Liebespaar mehr. Wie funktioniert das?

Gaia: Leandro ist mein bester Freund, er ist für mich wie ein Zwillingsbruder. Unsere Liebe hat sich in eine andere Richtung entwickelt.

Leandro: Nach der Trennung war es natürlich schwer, aber wir haben uns bewusst dafür entschieden, weiter zusammenzuarbeiten. Deshalb mussten wir uns schnell zusammenraufen.

Gaia: Klar streiten wir auch manchmal, aber wir haben gelernt, damit umzugehen. Und wir sind ein eingespieltes Team: Wenn einer mal einen schlechten Tag hat, übernimmt der andere im Unterricht oder bei der Milonga den aktiveren Part. 

Was liebt ihr am Lehrersein?

Gaia: Es ist schön zu sehen, wie sich die Leute entwickeln, wie sie der Tango begeistert. Sie fangen bei Null an, bauen etwas auf, lernen, die Musik und den Tanz zu genießen. Das zu begleiten, ist ein Geschenk.

Leandro: Viele Schüler verändern sich in ihrem ganzen Auftreten. Sie werden offener, gewinnen an Selbstvertrauen, gehen bewusster durchs Leben.

Gaia: Das war auch bei mir so. Ich bin ein sehr schüchterner Mensch. Das Tanzen und das Unterrichten haben mir geholfen, vor Leuten zu sprechen. 

Und was nervt manchmal?

Leandro: Durch das Internet haben die Schüler besseren Zugang zu Shows und zu Lehrvideos. Das führt dazu, dass sie weniger Geduld haben als früher, sie wollen gleich wie Profis tanzen. Nach ein paar Wochen im Basiskurs wechseln sie schon in die Mittelstufe. Wenn wir sagen, das ist noch zu früh, glauben sie uns nicht. Aber irgendwann kommen sie zurück, weil sie selbst merken, dass sie erst die Grundlagen üben müssen. Es ist wie sonst im Leben: Man kann von der Kita nicht direkt an die Uni.

Gaia: Es lässt sich auch nicht sagen, dass man nach einer bestimmten Anzahl von Jahren fertig ist mit dem Lernen. Auch wir lernen noch, entwickeln uns weiter.

Gehen Deutsche anders ans Lernen als Argentinier oder Italiener?

Gaia: Die meisten Deutschen sind diszipliniert und respektvoll, aber manchmal zu wenig risikobereit. Sie müssen erst alles verstehen, bevor sie einen Schritt machen. Dabei hat der Körper seine eigene Intelligenz.

Leandro: Manche Schüler brauchen zuerst die Regeln, um dann damit spielen zu können. Andere Schüler spielen erst und lernen dadurch die Regeln. Die Deutschen gehören eher in die erste Kategorie, die Argentinier und Italiener eher in die zweite. 

Wann können Privatstunden sinnvoll sein?

Gaia: Nicht gleich am Anfang. Auch später sollten Privatstunden eher eine Ergänzung zum Gruppenunterricht sein. Wer nur mit Lehrern übt, dem fällt es schwer, sich auf andere Tänzer einzustellen. Aber genau das braucht man, um auf Milongas tanzen zu können. 

Ihr richtet seit Jahren Milongas in Berlin aus. Was ist euch dabei wichtig?

Leandro: Milongas entwickeln eine eigene Persönlichkeit. Klar bestimmen wir die Musikauswahl, aber auf vieles haben wir als Gastgeber keinen Einfluss. Die Milonga, die wir mehr als zehn Jahre lang sonntags im Max und Moritz veranstaltet haben, galt als elitär. Dabei war das gar nicht unsere Absicht! Viele Tangolehrer verbrachten ihren Sonntagabend dort, und das hat andere abgeschreckt. Aber wir konnten ja nicht sagen: Ihr tanzt zu gut, ihr kommt hier nicht rein. Unsere Dienstagsmilonga ist zum Glück vielfältiger. Weil Clärchens Ballhaus saniert wird, sind wir gerade an wechselnden Orten zu Gast.

Lea Martin vom Tango-Blog “Berlin Tango Vibes” hat Gaia gefragt, wie es ihr ohne Tango und mit Corona gerade so geht. Hier geht’s zum Interview mit Gaia.

Mehr Interviews mit Tangoschaffenden lest ihr hier im Tango-Guide Berlin.