„Ohne kulturelle Förderung könnte der Tango schrittweise verdrängt werden“

Horst Martin, Co-Organisator des “Embrace”, spricht über die Idee hinter der Festivalwoche, die Schwierigkeit, attraktive  und bezahlbare Räume zu finden und die dringend benötigte Förderung für die Szene. 

+++++ Das Gespräch wurde im vergangenen Herbst geführt. Inzwischen ist die Frage staatlicher Unterstützung für die Tangoszene drängender denn je. Horst Martin setzt sich in der Coronakrise für die Belange der Tangoschaffenden ein – in der Community und gegenüber der Politik. +++++

Horst Martin
Horst Martin macht sich für eine Förderung der Tangoszene in der Hauptstadt stark.
Foto: Thibault Cresp Photographie

Embrace ist als Community-Festival gegründet worden. Was heißt das?

Alle Berliner Tangoveranstalter können mitmachen und alle Tangointeressierten können die Events besuchen. Wie der Name „Embrace“ schon sagt: Wir laden zu einer großen Tangoumarmung ein. Den Begriff „Community” haben wir inzwischen aus dem Namen genommen, weil sich zwar sehr viele Akteure beteiligen, aber nicht alle. Embrace spiegelt die Vielfalt des Berliner Tangolebens wider – und bietet Besuchern eine prall gefüllte Wundertüte des Berliner Tangos.

Wer hat den Hut auf?

Jeder, der mitmacht. Die Idee speist sich aus dem Flair der Berlinale, die in der Festivalwoche auch die faszinierende Kinolandschaft erlebbar macht, und dem offenen Konzept des Kölner Karnevals, bei dem alle Veranstalter einfach mitmachen können. Jeder Veranstalter organisiert bei Embrace seinen Beitrag – ob Milonga, Workshop oder Kulturevent – in Eigenregie und trägt selbst das unternehmerische Risiko. Ein halbes Jahr vor dem Festival setzen sich alle zusammen und besprechen die Hauptevents sowie mögliche Kooperationen. Wer lädt welche Gastlehrer, Musiker oder DJs ein? Wer übernimmt die großen Milongas? Wir machen das seit 2014 – das System ist inzwischen etabliert. Natürlich gibt es Dinge, die übergreifend organisiert werden müssen, etwa die Tangoshows im Admiralspalast 2014 und 2017 von Sven Elze oder die Gala im Roten Rathaus 2019 unter meiner Regie. Auch die Redaktion der Website und des Facebookauftritts liegt bei mir. 

Horst Martin:

  • Stammt aus Süddeutschland, hat in Köln studiert
  • Lebt seit 2010 in Berlin
  • Macht PR in der Filmbranche
  • Tanzt Tango seit 2001
  • Mitinitiator des Festivals Embrace

Wird es das Festival auch in den nächsten Jahren geben?

Darüber wird jedes Jahr neu entschieden. Wer will mitmachen? Gelingt uns ein attraktives Programm? Leider wird es immer schwerer, bezahlbare, attraktive Räume zu finden. Selbst mit einigen etablierten Tangoorten können wir 2020 nicht mehr rechnen. Der Immobilienboom bedroht die Subkultur in ihrem Bestand. Ohne kulturelle Förderung könnte auch der Tango schrittweise aus der Innenstadt verdrängt werden. In anderen westeuropäischen Hauptstädten sieht man, was uns droht.

Wie ist dort die Situation?

International bedeutende Tangofestivals gibt es dort kaum mehr. Die Topevents finden größtenteils außerhalb der Eurozone statt. Osteuropäische Städte wie Belgrad oder der kroatische Badeort Porec bieten imposante Locations. Auch Bratislava und Warschau haben wunderschöne Säle. Vergleichbare Säle sind für den Berliner Tango allein aus Eintrittsgeldern nicht mehr finanzierbar. Andernorts wird der Tango öffentlich gefördert. Um sich auf der Festivalebene zu behaupten, muss sich Berlin darauf besinnen, was seinen Ruf als europäische Tangohauptstadt ausmacht: attraktive Tangoorte im Herzen der Stadt. Das sind doch gute Voraussetzungen, um für Unterstützung zu werben.

Mehr Interviews mit Berliner Tangoschaffenden gibt es hier und im Tango-Guide Berlin.