„Mit meinem Bandoneon kann ich alles sagen, was ich sagen will“

Die Berlinerin Judith Brandenburg ist eine der bekanntesten Bandoneonspielerinnen Europas. Sie erzählt, was sie an diesem Instrument besonders fasziniert und warum sie moderne Tangos spannender findet als traditionelle Stücke.

Judith Brandenburg mit ihrem Bandoneon
Judith Brandenburg liebt den gebrochenen, rauchigen Klang ihres Bandoneons. Foto: Stephan Roehl

Du kommst aus der klassischen Musik, hast Klavier an der Universität der Künste studiert. Wann hast du den Tango für dich entdeckt?

Eines Abends beschloss ich, Tango tanzen zu lernen. Das klang irgendwie spannend. Ich stieß auf eine Annonce für einen Workshop und ging einfach hin. In meinem ersten Tangojahr, das war 1999, besuchte ich viele Kurse und war fast jede Nacht auf Milongas unterwegs. Beim Tanzen dachte ich natürlich auch über die musikalische Umsetzung nach – mein Musikergehirn arbeitete daran, dem Besonderen des Tangos auf die Spur zu kommen. Und dann drückte mir jemand ein Bandoneon in die Hand …

Was faszinierte dich an diesem Instrument?

Es ist ein unheimlich intensives Instrument. Man kann sowohl die Melodie als auch die Begleitung spielen, mein Grundwissen vom Klavier konnte ich also übertragen. Dazu dieser gebrochene, rauchige Klang! Mein Bandoneon ist wie meine Stimme. Ich kann damit alles sagen, was ich sagen will. Das Instrument ist nichts für Leute, die die Sache nur halbherzig angehen. Wer Bandoneon lernen möchte, muss es ernst meinen. Die erste Hürde ist, an ein gutes Instrument zu kommen. 

Was ist die Schwierigkeit dabei?

Gute Instrumente mit der bevorzugten Knopfanordnung „Rheinische Lage“ sind rar.5.000 Euro muss man für ein wirklich gutes Bandoneon schon einplanen. Die meisten Musiker wollen sowieso ein historisches Instrument. Die Frage, die immer gestellt wird, lautet: ,Ist es ein A-A (sprich Doble A)?’ Das sind die Initialen von Alfred Arnold, dem legendären Bandoneonbauer aus Carlsfeld im Erzgebirge. Der hat in den 1920er- und 1930er-Jahren Bandoneons für Tangomusiker in Argentinien und Uruguay gebaut. Deren Klang ist bis heute unübertroffen. Ich selbst bin zu einem Restaurator nach Wuppertal gefahren und habe ein A-A von 1936 gekauft.

Und die historischen Bandoneons halten so lange?

Wenn ein Bandoneon über eine gute oder gut restaurierte Mechanik verfügt und ordentlich gewartet wird, geht es nicht kaputt. Auch wenn das Instrument professionell gestimmt wird, hält diese Stimmung viele Jahre. 

Über Judith Brandenburg

  • Geboren in Berlin 
  • Studierte Klavier an der Universität der Künste (UdK)
  • Tanzt Tango seit 1999 
  • Spielt Bandoneon seit 2001
  • Gibt Privatunterricht für Bandoneonspieler
  • Lehrt „Tango-Stilistik und Improvisation“ an der UdK
  • Komponiert moderne Tangomusik
  • Gründerin des Tango-Trios „La Bicicleta“
  • www.judithbrandenburg.com

Wo hast du Spielen gelernt?

Ich ging 2001 ans Konservatorium nach Rotterdam, wenn auch nicht lange, weil sich dann mein Sohn ankündigte. In Deutschland kann man Bandoneon leider an keiner Hochschule studieren. Während der Krise in Argentinien zur Jahrtausendwende kamen allerdings viele exzellente Musiker nach Berlin. Es war also leicht für mich, Leute zu finden, mit denen ich authentische Musik machen konnte. 

Was heißt authentisch für dich?

Das ist auf keinen Fall gleichbedeutend mit traditionell! Was ich beim Spielen suche, ist, dass in dem Moment etwas Authentisches entsteht. Am wunderbarsten ist es, wenn ich improvisieren kann und dazu Leute tanzen. Dadurch erhalte ich wiederum Impulse, die ich in der Musik aufgreifen kann. Mein Wunsch für Berlin wäre ein Ort, an dem man gemeinsam experimentieren kann – Musiker und Tänzer. Zu viele rein traditionelle Milongas halte ich persönlich für eine Sackgasse.

Dann bist du also kein Fan von traditioneller Tangomusik?

Ich liebe und spiele auch traditionellen Tango. Wenn man sich als Musikerin oder Musiker mit dem Tango beschäftigt, dann muss man natürlich erst einmal lernen, wie die Tradition aussieht. Das Kopieren der alten Orchester ist für den Lernprozess wichtig, aber dauerhaft finde ich das nicht sinnvoll. Das sollte man irgendwann hinter sich lassen. Als Komponistin hat mich von Anfang an der Tango Nuevo gereizt. Viele meiner Stücke sind nicht primär zum Tanzen gedacht, aber das kann man dazu trotzdem sehr gut.

Was lehrst du in deinem Seminar an der Hochschule der Künste?

Auch da geht es mir neben der Stilistik des Tangos vor allem darum, Improvisation zu unterrichten. So wie der Tanz improvisiert ist, sollte es auch die Musik sein. Ich möchte nicht weitergeben, wie man ein paar Tangos spielt, sondern wie man sich in dieser Sprache frei bewegt. Manche Studenten kommen jedes Semester, obwohl sie nur einmal Punkte für den Kurs bekommen. Der Tango hat es auch schon in die eine oder andere Abschlussprüfung geschafft. Das hilft dabei, vom Stigma der Tanzmusik wegzukommen. Ich erlebe immer wieder, dass mir Konzertveranstalter sagen: ‚Tango? Nein, danke, wir wollen keine Tanzmusik!’ Ich finde das unglaublich. Der Tango ist doch so facettenreich!

Mehr Interviews mit Berliner Tangogrößen findest du hier und im Tango-Guide Berlin.