„Im Berliner Tango kommt die Individualität zu kurz“

Korey Ireland leitet das „Berlin Community Tango Orchestra“ und arbeitet als Tanzlehrer. Er beobachtet eine große Gleichförmigkeit in der Tangoszene. Im Gespräch spürt er den Ursachen nach und erklärt außerdem, warum es so schwer ist, tanzbare Tangos zu komponieren.

+++++ Das Interview stammt aus dem vergangenen Jahr. Derzeit können die Musiker weder zusammen proben noch auftreten, auch als Lehrer kann Korey nicht arbeiten. Er sammelt als Teil eines Lehrerkollektivs Spenden via Crowdfunding. +++++

Korey Ireland spielt Bandoneon.
Korey Ireland spielt selbst im Berlin Community Tango Orchestra mit.
Foto: Artur Hassa

Wie kamst du zum Tango?

Ein Freund spielte in meiner Heimatstadt Kansas City in einer Tangoband und sagte, ich müsse unbedingt mal zu einer Milonga kommen. Auf der Tanzfläche zeigte mir jemand die ersten Schritte. Ich war sofort Feuer und Flamme!

Von der Musik oder vom Tanz?

Zunächst vom Tanz. Jede Änderung in meinem Körper hatte einen unmittelbaren Effekt auf die Tanzpartnerin – das fand ich faszinierend. Ich besuchte einen Einsteigerworkshop und dann jeden Kurs, der in der Stadt angeboten wurde. Die Tangoszene in Kansas City war überschaubar. Ich lud Tanzlehrer aus anderen Städten ein, aber dann war immer die Frage, wie es weitergeht, wenn die wieder weg sind. Ich übte zusammen mit Freunden und bald übernahm ich einen Teil des Unterrichts. Irgendwann war ich hauptberuflich Tangolehrer.

Korey Ireland

  • Stammt aus Kansas City
  • Lebt seit 2009 in Berlin
  • Hat klassische Musik studiert und als Komponist gearbeitet
  • Tanzt Tango seit 1999
  • Unterrichtet Tango seit 2001 
  • Gehört zum Team des Mala Junta
  • Leitet das Berlin Community Tango Orchestra

Was führte dich nach Berlin?

Ich war mehrere Sommer in Europa, unterrichtete unter anderem in den Niederlanden und in England. Zwischendurch kam ich zum Tanzen nach Berlin. Hier konnte ich jeden Abend unterwegs sein und dabei ganz unterschiedliche Arten des Tangos erleben. Damals suchte jeder nach neuen Möglichkeiten des Ausdrucks, nach neuen Arten von Musik, auf die man Tango tanzen konnte. Das gefiel mir so gut, dass ich ganz herzog. Im Moment kommt in der Berliner Tangoszene die Individualität leider zu kurz.

Inwiefern?

Es herrscht eine große Konformität – beim Tanzstil, bei der Musikauswahl, bei der Kleidung. Aber vielleicht ist diese Pendelbewegung normal. Nach einer Zeit des Experimentierens sehnen sich die Leute nach einem vermeintlichen Ideal, an dem sie sich orientieren können. Und dann bewegt sich das Pendel irgendwann wieder in die andere Richtung, wenn es zu eintönig wird. Als Lehrer versuche ich jedenfalls, Individualität zu fördern.

Gleichzeitig ist dir aber die Gemeinschaft wichtig, oder? Immerhin hast du das Berlin Community Tango Orchestra gegründet.

Das stimmt, Tango ist schließlich ein soziales Phänomen! Und dazu gehören nicht nur Tänzer, sondern auch Musiker. Wir vom Community Orchestra spielen Musik aus der Goldenen Ära des Tangos, weil man dazu besonders gut tanzen kann. In den Dreißiger- und Vierzigerjahren traten in Buenos Aires jeden Abend mehrere große Orchester auf. Ein Orchester war dann erfolgreich, auch finanziell, wenn die Leute begeistert zu seiner Musik tanzten. Heute ist Live-Musik auf Milongas eher selten. Die Gage für ein ganzes Orchester kann erst recht kaum ein Veranstalter bezahlen.

Wie geht ihr damit um?

In unserem Orchester spielen neben einigen Profimusikern viele Hobbymusiker; aktuell sind wir knapp 20 Leute. Wir machen das aus Freude an der Tangomusik. Viele der Orchestermitglieder tanzen selbst auch. Unsere eher symbolische Gage stecken wir in die Technik oder buchen damit Musiker, die uns in Workshops unterrichten. Einmal pro Woche proben wir bei mir zu Hause.

Was sagen deine Nachbarn?

Es gibt bislang nur positives Feedback!

Nehmt ihr noch neue Musiker auf?

Ja, da sind wir offen. Wir suchen immer gute Violinisten – davon kann man in einem Orchester nicht genug haben.

Du spielst Bandoneon – ein Instrument, das als schwer erlernbar gilt. Was fasziniert dich daran?

Auch hier war wieder ein Freund schuld. Er drückte mir vor 15 Jahren sein neu gekauftes Bandoneon in die Hände und es war um mich geschehen. Besonders fasziniert mich die Sensibilität des Instruments und die Fülle seines Klangs. Aber ich bin längst kein Profi. Ich nehme regelmäßig Unterricht, um mich weiterzuentwickeln. 

Komponierst du auch Tangos?

Ich habe es versucht, aber war mit dem Ergebnis nicht zufrieden. Das war auch meine Motivation, 2009 das erste Community-Orchester in Washington D. C. zu gründen. Ich wollte herausfinden, was tanzbare Tangomusik ausmacht. Inzwischen habe ich dazu viele Ideen, die ich irgendwann zu Papier bringen möchte. Man darf aber nicht unterschätzen: Tangofans lieben die alten Stücke auch deshalb so sehr, weil sie damit bestimmte Erinnerungen verbinden. Zum Beispiel an die ersten Tanzstunden oder an besonders schöne Tandas. Das kann man nicht einfach auf neue Stücke übertragen.

Mehr Interviews mit Berliner Tangoschaffenden gibt es hier und im Tango-Guide Berlin.