„No Rubbish lautet meine Devise“

Michael Sacher arbeitet als Müllkutscher und als Tangolehrer. Er erzählt, wie diese beiden Jobs zusammenpassen und warum er im Unterricht vor allem auf Müllvermeidung setzt.

+++++ Das Interview stammt aus dem Frühjahr 2019. In Zeiten von Corona halten Micha und seine Kolleginnen und Kollegen von der BSR und anderen Entsorgungsunternehmen die Stadt am Laufen. Danke dafür! +++++

Michael Sacher tanzt vor Mülltonnen mit einer Schaufensterpuppe.
Michael Sacher verbindet zuweilen seinen Job bei der BSR mit dem Tango. Foto: privat

Leerkraft für die Berliner Stadtreinigung und Lehrkraft für Tango – das ist eine ungewöhnliche Kombi.

Stimmt, ich kenne keine anderen Müllkutscher, die meine Leidenschaft für den Tango teilen. Es ist schon so, dass die Tangowelt eher Akademiker anzieht, zumindest in Deutschland. Mit dem Tango bin ich selbst ja auch erst in Berührung gekommen, als ich neben dem Job mein Abitur nachgemacht und ein Studium begonnen hatte. 

Wie genau? 

Eine Freundin nahm mich mit zu einer Milonga in der Kalkscheune. Die Musik gefiel mir auf Anhieb. Ich bin mit Filmen von Heinz Erhardt und Heinz Rühmann aufgewachsen, mochte schon immer eher alte Musik als aktuelle Songs. Ich habe mich dann sehr intensiv mit dem Tango beschäftigt, besuchte im Mala Junta bis zu zehn Kurse pro Woche. Einmal übertrieb ich so, dass ich eine Lungenentzündung bekam. Leisten konnte ich mir die Unmengen an Unterricht nur, weil es damals zum Glück schon die Monatskarte gab. 

Wie wurdest du selbst Lehrer?

Gaia (Pisauro) überzeugte mich, ihre Studentenkurse zu übernehmen. In Berlin wird schon sehr lange Tango im Hochschulsport angeboten. Allein wäre ich nie auf die Idee gekommen zu unterrichten, aber bei den Unikursen konnte ich mich ausprobieren.

Inzwischen bist du Lehrer im Mala Junta, gibst Privatstunden. Warum stehst du trotzdem so früh auf und räumst die Stadt auf?

Ich arbeite ja in Teilzeit bei der BSR und kann bei meinen Arbeitszeiten ein bisschen mitreden. Dank dieses Jobs muss ich nicht vom Unterrichten leben. Das gibt mir die Freiheit, ausschließlich den Tango zu lehren, hinter dem ich auch stehe. Ich schwatze niemandem Privatunterricht auf, alle Schüler kommen von sich aus oder auf Empfehlung zu mir. Ich bringe meinen Schülern nur Sachen bei, die ich auf den Milongas sehen will. No Rubbish, so lautet denn auch beim Tangounterricht meine Devise.

Über Michael Sacher

  • Geboren in Berlin
  • Arbeitet bei der Berliner Stadtreinigung
  • Tanzt Tango seit 2004
  • Unterrichtet Tango seit 2008
  • Gehört zum Team der Tanzschule Mala Junta

Was zählt für dich als Rubbish?

Zum Beispiel wenn Leute auf Milongas so tanzen, als wären sie auf einer Showbühne und damit den Tanzfluss und die anderen Paare stören. Oder wenn mit unnötig viel Kraft und Anspannung getanzt wird und die „zarten Töne“, sowohl in der Musik als auch in der körperlichen Kommunikation im Tanzpaar, völlig untergehen. Allerdings stört ja niemand absichtlich andere Paare, tanzt grobschlächtig oder musikalisch uninteressant. Um einen respektvollen und achtsamen Tango zu fördern, braucht es deshalb keine Schuldzuweisungen, sondern das eigene gute Beispiel in den Milongas.

Apropos Respekt: Musst du dir von deinen BSR-Kollegen Sprüche anhören, weil du Tango tanzt?

Bei der „Mülle“ muss sich jeder Sprüche anhören! Die meisten von uns haben teils skurrile Spitznamen, und ich bin mal der Studiosi, mal der Tangotänzer. Aber das sind nur Frotzeleien. Respekt verdient sich dort, wer ein Müllauto durch enge Straßen steuern und ordentlich anpacken kann. Beides kann ich.

Mehr Interviews mit Berliner Tangogrößen findest du hier und im Tango-Guide Berlin.