„Genießt die Reise in den Tango und schaut, was er mit euch macht!“

Tanzlehrerin Mimi Hirsch spricht über den Berlin Open Tango Contest, verrät, wie man sich am besten auf einen Wettbewerb vorbereitet und was man bei all dem Training nicht vergessen sollte.

+++++ Das Interview führte Rebecca Beerheide im Sommer 2019. Gerade ist es schwer vorstellbar, dass das Embrace-Festival und der Berlin Open Tango Contest dieses Jahr zu Pfingsten wie geplant stattfinden können. +++++

Mimi Hirsch
Mimi Hirsch hat selbst in Meisterschaften getanzt, war deutsche Meisterin und UK Champion. Foto: Viktoria Fedirko 

Wie bist du zum Tango gekommen? 

Ich habe Gender Studies und Geschichte an der Humboldt-Universität Berlin studiert, und 2006/2007 ging ich für ein Semester nach Buenos Aires. Dort fragte mich eine Freundin, ob ich in einem Abschlussfilm mitspielen wolle. Ich sollte Tango tanzen, was ich noch gar nicht konnte. Also lernten die Freundin und ich innerhalb eines Monats so viel wie möglich auf Prácticas. Später schnitten wir es so, dass es nach Tango aussah. Für die HU habe ich währenddessen zu Genderrollen, Geschlechteridentität und Sexualität im Tango geforscht. Nach meiner Rückkehr organisierte ich eine große wissenschaftliche Konferenz dazu in Berlin. Dabei lernte ich Leute kennen, die sagten, ich könne mich nicht nur akademisch mit dem Tango beschäftigen, sondern müsse auch mal wieder tanzen. 2010 bin ich dann, nach ein paar Kursen bei Brigitta Winkler, im Mala Junta gelandet – und schnell war ich jeden Tag dort. Tagsüber machte ich meinen Abschluss und arbeitete für eine NGO, nachts ging ich tanzen. 

Sieben Jahre später leitest du mit der Academia de Tango deine eigene Tanzschule. Was hat dich dazu bewogen? 

Ehrlich gesagt hat sich das einfach so ergeben. Ich wollte mit meinem Tanzpartner Özgür Arin unterrichten, aber wir wollten nicht ausschließlich als „Mimi und Özgür“ auftreten, sondern einen Ort der Begegnung und des Lernens schaffen.

Worauf liegt euer Fokus?

Wir unterrichten Tänzerinnen und Tänzer von der Mittelstufe bis zu den Fortgeschrittenen. Wichtig ist uns in erster Linie der Spaß am Tango und dass wir die Leute befähigen, ihren eigenen Tango zu entwickeln. Unsere Schülerinnen und Schüler bekommen bei uns einen sehr strukturierten und systematisch aufgebauten Unterricht. Zu uns kommen viele Leute, die sich wirklich weiterentwickeln möchten. Da sind auch Halbprofis dabei. Die Stimmung ist sehr familiär. Neben den Kursen liegt mein Fokus vor allem auf Privatunterricht.

Was sind deine wichtigsten Tipps für Anfängerinnen und Anfänger?

Geht sofort auf Milongas! Egal wie viel oder wenig ihr könnt, damit solltet ihr sofort anfangen. Die Erfahrung auf der Milonga gehört zum Lernprozess, macht vor allem Spaß und ihr trefft die verschiedensten Leute. Genießt die Reise in den Tango und schaut, was er mit euch persönlich macht. Denn nach meiner Erfahrung macht der Tango sehr viel mit einem. 

Mimi Hirsch

Du hast selbst in Meisterschaften getanzt, wurdest 2015 deutsche Meisterin und UK Champion. Wie viel Zeit ist nötig, um tänzerisch ein derart hohes Level zu erreichen? 

Das ist ganz unterschiedlich. Entscheidend sind die körperlichen, emotionalen, energetischen und sonstiges Ressourcen von beiden Partnern, an sich arbeiten zu können und damit auch Fortschritte zu machen. Für meine erste Meisterschaft haben wir damals fünf bis sechs Mal die Woche trainiert. Ich musste auch lernen, vor Leuten zu tanzen, die einen beobachten und bewerten, und wie man mit verschiedensten Arten von Stress umgeht. Das ist viel mehr geistige Aufgabe als technische Herausforderung. Dann muss man sich Gedanken darüber machen – und das ist das Wichtigste – was einem selbst wichtig ist und was den eigenen Tango eigentlich ausmacht. Man sollte nicht darüber nachdenken, was Jury-Mitglied A, B oder C sehen will. Sonst ist es ein Tanzen für andere, und nicht das, was im Tango tatsächlich zählt: die Verbindung nach innen, mit einer anderen Person, mit der Musik. Und natürlich nie vergessen: Es muss Spaß machen und man sollte wohlwollend mit sich und dem Partner umgehen – was manchmal leichter gesagt ist als in der Praxis umgesetzt (lacht).

2019 haben Horst Martin und du im Rahmen des Embrace-
Festivals den ersten Berlin Open Tango Contest veranstaltet. Seid ihr mit der Premiere zufrieden?

Berlin Open war wirklich toll, es waren Leute vom Ural oder aus Los Angeles da. Die Stimmung unter den Teilnehmern war super. Es war uns besonders wichtig, dass bei Berlin Open der Spielcharakter im Vordergrund steht: Die Idee, dass sich Gleichgesinnte treffen und wie beim Fußballspiel im Park zwar wirklich gerne Tore schießen, aber das Spiel genießen und gemeinsam im Anschluss ein Bier trinken gehen. Das hat zum Glück hervorragend geklappt. Die Tänzerinnen und Tänzer wollten das gemeinsam machen und verhielten sich untereinander nicht wie Konkurrenten, sondern wie Freunde. Auch die Zuschauer hatten viel Spaß. 2020 richten wir die zweite Ausgabe aus.

Welche Tänzer wollt ihr zur Teilnahme bewegen? Eher internationale Halbprofis oder Hobbypaare aus Berlin? 

Unsere Zielgruppe sind alle Tänzerinnen und Tänzer, die Lust auf eine Herausforderung und viel Spaß haben. Jedes Paar kann sich anmelden. Profis und Amateurpaare sind gleichermaßen willkommen. Wir würden uns auch über die Teilnahme gleichgeschlechtlicher Paare freuen. Für lokale Teilnehmer hatten wir 2019 einen sehr großen Preis ausgerufen: ein Jahr freier Eintritt auf fast alle Milongas in Berlin. Aber in der Kategorie haben nur zwei Paare mitgemacht. Wir hoffen sehr, dass 2020 mehr Paare aus Berlin dabei sind. Traut euch!

Fehlt es Berlin an Paaren, die auf Wettbewerbsniveau tanzen können? 

Das kann man so nicht sagen. Die meisten Leute, die hier in Berlin tanzen, haben nicht so ein großes Bedürfnis nach einem Wettbewerb. Und das ist auch völlig in Ordnung. Ich glaube, dass viele Leute Tango tanzen, um von ihrem Job abzuschalten, vor allem, wenn sie tagsüber mit dem Kopf arbeiten. Dazu die Hormonausschüttung durch die Umarmung, die Musik … Im Tango bildet ja das Zentrum die Milonga, auf die man sich mit Unterricht und Prácticas vorbereitet. Milongas sind Orte der Begegnung, die die Leute in den Tango ziehen. Vom Level her könnten in Berlin viele mitmachen. Einige möchten insgeheim auch sehr gerne, trauen sich aber noch nicht. Die Amateure denken teilweise, dass sie das Level nicht hätten. Ich kann allen Interessierten nur sagen: Traut euch und macht mit! Es ist eine wirklich einmalige Erfahrung und ihr werdet tolle Leute aus der ganzen Welt treffen und euch selbst nochmal ganz neu kennenlernen. Die Berliner Profis haben teilweise Angst davor, was passiert, wenn sie in der eigenen Stadt nicht unter die Top fünf kommen. Es gibt einige fantastische Leute hier in Berlin, und mal gucken – vielleicht sind ja in diesem Jahr schon mehr dabei. 

Mehr Interviews mit Berliner Tangoschaffenden findest du hier und im Tango-Guide Berlin.