„Tango ist die Musik von Immigranten“

Im Interview spricht der Pianist Pablo Woiz über seine schrittweise Annäherung an den traditionellen Tango und die musikalische Freiheit, die ihm sein Leben fernab der argentinischen Heimat ermöglicht.

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Pablo Woiz ergründet in Berlin die afrikanischen Wurzeln des Tangos. 
Foto: Rebekka Weckesser

Bist du mit Tangomusik aufgewachsen?

Der Tango ist im argentinischen Alltag immer da, mal im Fernsehen, mal im Radio, aber für mich war das die Musik meiner Großeltern. Meine Eltern haben weder Tango gehört noch getanzt, und ich auch nicht. Während meines Klavierstudiums lernte ich dann die Musik Piazzollas kennen. Die meisten Musiker meiner Generation sind über Piazzolla zum Tango gekommen, nicht über traditionelle Musik. Ich dachte lange, traditionelle Tangos seien einfach strukturiert – gemacht für Leute, die nicht gut spielen können. 

Heute siehst du das anders?

Ja, im Laufe der Zeit habe ich den Reichtum der alten Tangos entdeckt. Heute finde ich es schwerer, traditionelle Tangos zu spielen als Stücke von Piazzolla. Die Melodie und die Harmonien sind meist nicht so kompliziert, aber traditionelle Tangos klingen erst richtig gut, wenn man die vielen versteckten Elemente herausarbeitet, wenn man sich die innere Logik eines Stückes erschließt. Die richtige Phrasierung ist eine Kunst! Anders als in der klassischen Musik liegt der Wert eines Tangos nicht im Stück selbst, sondern im Arrangement.

Was heißt das für dich als Musiker?

Je nach Arrangement kann ein und derselbe Tango ganz unterschiedlich klingen. Die Hauptarbeit liegt darin, das Stück für die unterschiedlichen Instrumente eines Ensembles zu arrangieren. In der klassischen Musik gibt es eine Partitur mit Noten, die man als Musiker respektieren muss. Der Tango lässt einem da deutlich mehr Spielraum.

Pianist Pablo Woiz mit Martin Iannaccone und Sven Holscher von Milonga Roots.
Pablo Woiz (Mitte) mit Martin Iannaccone (Percussion, links) und Sven Holscher (Kontrabass). Zusammen sind sie “Milonga Roots”. Foto: Rebekka Weckesser

Du lebst seit vielen Jahren in Berlin. Wie ist es, fernab der Heimat Tango zu spielen?

In Europa fühle ich mich frei, meinen eigenen Tango zu entwickeln. Tango ist die Musik von Immigranten. In Berlin bin ich selbst Immigrant, in Argentinien nicht. Die Tangomusiker in Berlin gehen alle sehr freundlich miteinander um. In Argentinien ist der Wettbewerb härter, die Konkurrenz größer. Ich habe übrigens auch deutsche Wurzeln: Mein Opa stammt aus Berlin, er war Jude und emigrierte 1930 nach Südamerika.

Über Pablo Woiz

  • Aus Buenos Aires
  • Studierte Klavier
  • Lebt seit 2006 in Berlin
  • War von 2006 bis 2012 Pianist im „Sexteto de Luis Stazo: Stazo Mayor“
  • Gründer von „Pablo Woiz Tango Trio“ und „Pablo Woiz & Milonga Roots“
  • www.pablowoiz.com

Wie sieht der Tango aus, den du in Berlin entwickelt hast?

Für das „Pablo Woiz Trio“ arrangiere ich traditionelle Tangos für Piano, Bandoneon und Kontrabass. Etwas ganz Eigenes habe ich mit „Milonga Roots“ geschaffen. Mit diesem Trio spüre ich den afrikanischen Wurzeln des Tangos nach und übernehme mit dem Piano die melodische Rolle.

Kannst du erklären, was das Besondere daran ist?

Ich bringe die Percussion zurück in den Tango. Percussion-Instrumente wie die Trommel gehören zu allen möglichen Folklore-Musikrichtungen. Nur im Tango fehlt dieser Part. Hier übernehmen das Klavier und der Kontrabass die rhythmische Begleitung, während zum Beispiel die Geige die Melodie spielt. Bei „Milonga Roots“ ändern wir das. Ich als Pianist konzentriere mich nicht nur auf die rhythmischen Möglichkeiten des Klaviers, sondern auch auf die melodischen Möglichkeiten. Ein Percussionist und ein Kontrabassist spielen den Rhythmus. Damit gehen wir zurück zu den Wurzeln des Tangos, zur Milonga und zum Candombe. Diese Urform haben ehemalige Sklaven am Rio de la Plata gespielt – mit Trommeln als Hauptinstrument.

Spielst du lieber bei Konzerten oder auf Milongas?

Ich mag beides. Bei Konzerten liegt die Konzentration ganz auf der Musik. Ich kann raffinierter spielen, längere Stücke wählen, auch mal sehr langsam werden. Bei einer Milonga hat die Musik eine klare Funktion und es gibt viele Regeln zu beachten: kurze Stücke, hohes Tempo. Dafür fällt es nicht weiter auf, wenn ich mich mal verspiele (lacht). Bei Konzerten kann es unterschiedliche Meinungen über die Darbietung geben, auf Milongas eher nicht: Die Tänzer urteilen darüber, ob die Musik für sie funktioniert oder nicht – ihre Reaktion ist sehr echt. Das gefällt mir.

Mehr Interviews mit Berliner Tangoschaffenden findest du hier und im Tango-Guide Berlin.