„Wir wollen neue Leute für den Tango begeistern“

Pedram Shahyar ist der Gründer des Tango Kollektivs, das die Milonga Popular veranstaltet. Er möchte Anfängern vor allem Spaß am Tanzen vermitteln – und schnelle Erfolgserlebnisse.

+++++ Das Interview mit Pedram stammt aus dem vergangenen Jahr. Aktuell veranstaltet das Tango Kollektiv montags eine virtuelle Milonga mit Unterricht vorab. Infos dazu gibt es bei Facebook. Das Team bittet um Spenden via Crowdfunding. +++++

Pedram Shahyar und Dilara Ogretmen
Dilara Ogretmen und Pedram Shahyar bilden das Kernteam des Tango Kollektivs. Foto: Ivo Saint/@ivosaint

Wie bist du zum Tango gekommen?

Im Winter 2011/12 verbrachte ich mehrere Monate in Buenos Aires. Dort nahm ich zum ersten Mal Tanzunterricht, fand es aber langweilig, stundenlang einfach nur zu laufen. Besser wurde es, als ich zu zwei jungen queeren Lehrern ging. Da machte Tango plötzlich Spaß. Dann stieß ich bei einem nächtlichen Spaziergang durch Palermo auf adrett gekleidete Leute und folgte ihnen in einen Club. Wie ich später erfuhr, war ich ins La Viruta geraten, in den angesagtesten Tangoclub der Stadt! Ich habe mich sofort in die Atmosphäre verliebt und war jedes Wochenende dort.

Was ist das Besondere an dem Club?

Im Keller eines armenischen Kulturzentrums machen hunderte Leute Party. Beim Unterricht und während der Milonga steht der Spaß im Vordergrund. Morgens um fünf Uhr ist es noch total voll, die letzte Tanda dauert eine halbe Stunde. Das La Viruta hat viel dazu beigetragen, den Tango in der jungen Generation zu verbreiten. Das ist auch das Hauptanliegen unserer Milonga Popular in Berlin. Horacio Godoy, der Chef von La Viruta, ist inzwischen ein Freund. Mit seiner Erfahrung hat er uns sehr geholfen. Ich bin sehr froh darüber, dass wir gemeinsam mit ihm seit zwei Jahren immer Anfang November das Festival La Viruta Berlin veranstalten. 

Pedram Shahyar

  • Geboren im Iran
  • Aufgewachsen in Köln
  • Lebt seit 2001 in Berlin
  • Politischer Aktivist und Social-Media-Berater
  • Tanzt und unterrichtet Tango seit 2012
  • Organisator der Milonga Popular, des Festivals La Viruta Berlin und von Intimacy
  • Facebook: Tango Kollektiv; Pedram Shahyar

Was erwartet die Besucher eurer allwöchentlichen Milonga Popular?

Vor der Milonga bieten wir Unterricht nach einem festen Programm. Wir haben viel Energie darauf verwendet herauszufinden, was hier in Berlin am besten funktioniert. Es geht immer los mit Übungen zum Auflockern. Dann umarmen wir uns gegenseitig. Dabei geht es darum, ein Gruppengefühl zu schaffen. Erst dann starten wir mit dem eigentlichen Tangounterricht in zwei Klassen. Zum Schluss kommen wieder alle zusammen und tanzen gemeinsam. Bei den ersten zwei Tangos werden ständig die Partner getauscht. Wenn die Milonga losgeht, ist die Tanzfläche sofort voll. Gästen, die allein kommen, kann ich nur empfehlen, den Unterricht mitzumachen. Dann sind sie gleich integriert.   

Wie gestaltet ihr den Unterricht für Anfänger?

Uns ist wichtig, dass Anfänger schnell Erfolgserlebnisse haben. Sie laufen nicht nur im Kreis, sondern lernen schon in der ersten Stunde eine kleine Schrittfolge. Da geht es zunächst nicht um die Technik, sondern darum, neue Leute für den Tango zu begeistern. Die Technik folgt, wenn sie Feuer gefangen haben.

Die Milonga wird vom Tango Kollektiv organisiert. Wer gehört außer dir dazu?

Dilara Ogretmen und ich bilden das Kernteam. Sven Elze, der die Milonga mit mir zusammen aufgebaut hat, hat Berlin inzwischen verlassen. Dazu kommt ein fester Stamm von Lehrern und DJs. 

Milonga Popular im Freudenzimmer. Foto: Ulrike Wronski

Welche Musik legt ihr auf?

Neben klassischen Tangos legen wir Wert auf zeitgenössische Orchester. Und wir setzen uns für Künstlerinnen im Tango ein: Wir waren die ersten in Berlin, die systematisch Stücke mit weiblichen Stimmen aufgelegt haben. Seit zwei Jahren bespielen wir einen zweiten Raum mit Neo- und Non-Tango, was immer beliebter wird bei uns.

Du hast eine zeitlang jeden Monat die Intimacy-Milonga im KitkatClub organisiert. Warum findet die inzwischen nur noch während des Embrace-Festivals statt?

Die größte Herausforderung für Tangoveranstalter ist die, dass sich der Tango eigentlich der Kommerzialisierung entzieht. Die Tänzerinnen und Tänzer finden im Tango ihren konsumfreien Rausch. Sie erfahren ihren Trip durch den Tanz. Daher bringt Tango für Clubbetreiber keinen kommerziellen Gewinn und wir sind auf Wohlwollen und Sympathie für den Tango angewiesen. Einen so großen und gefragten Club wie das KitKat zu bespielen, geht nur, wenn er richtig voll wird. Daher konzentrieren wir uns darauf, beim Embrace ein wirkliches Großereignis im „Kitty“ zu organisieren, etwas Einmaliges. Außerdem veranstalten wir im Sommer das Intimacy Castle Festival im Schloss Schönow anderthalb Stunden nordöstlich von Berlin. Da sind alle willkommen, die Lust auf Tango im Zusammenspiel mit Zouk, Elektro und sinnlichen Partys haben.

Mehr Interviews mit Berliner Tangoschaffenden findest du hier und im Tango-Guide Berlin.