„Uns ging es darum, etwas Neues zu schaffen“

Seit 35 Jahren tanzen Ulrike Schladebach und Stephan Wiesner zusammen Tango. Als Duo Stravaganza machten sie Bühnenkarriere. Hier erzählen sie von dieser Zeit, vom Älterwerden und von ihren Zukunftsplänen.

+++++ Das Interview fand im Oktober 2019 statt. +++++

Ulrike Schladebach und Stephan Wiesner tanzen im Tangoloft, wo sie regelmäßig Unterricht geben.
Ulrike Schladebach und Stephan Wiesner im Tangoloft. Nach Möglichkeit tanzen sie jeden Vormittag zusammen. Foto: Jürgen Henkenjohann

Ihr habt den Tango Mitte der Achtziger für euch entdeckt. Was hat euch gleich auf die Bühne gezogen?

Ulrike: Schon als Jugendliche haben mich das Varieté und Musicals fasziniert, ich wollte tanzen und singen und damit durch die Lande ziehen. Und diesen Traum habe ich auch verwirklicht. Als Studentin entdeckte ich in der Tanzfabrik den Tango und dort begegnete ich auch Stephan. Ich hielt ihn zunächst für einen Angeber, er hatte schließlich ein Jahr Vorsprung (lacht). Jedenfalls war mir schnell klar, dass ich mit dem Tango auf die Bühne wollte. Das Theatralische an dem Tanz fand ich reizvoll. Und Stephan war dann doch ein ganz cooler Typ. Wir wurden ein Paar, und auch nach der Trennung ein paar Jahre später blieben wir beste Freunde. 

Stephan: Wir haben uns nie gescheut, den Tango als tänzerisches Experiment zu sehen. Nur etwas reproduzieren – das wollten wir nicht. Uns ging es darum, etwas Neues zu schaffen. Wir nahmen Unterricht in Buenos Aires, um die Technik zu lernen, aber der klassische argentinische Bühnentango interessierte uns nicht so sehr. Wir bauten Elemente aus anderen Tänzen und aus unserer Fantasie in unsere Performances ein. Damals war das absolut neu.

Wie reagierten andere Tänzer auf eure Experimente?

Stephan: Wir wurden sehr viel kritisiert. Immer wenn man mit einer Tradition bricht, gibt es Kritik. Das war also nicht überraschend. Außerdem ist es eine gängige Verkaufsmasche, andere schlecht zu machen, um sich selbst als einzig wahren Experten präsentieren zu können – das ist nicht nur im Tango so.  

Ulrike: Wir spielten mit den Klischees von Mann und Frau: Stephan hat geführt und ich bin gefolgt. Innerhalb dieses Rahmens provozierten wir uns gegenseitig und damit auch das Publikum. Unsere Auftritte waren manchmal schon extrem, aber immer spielerisch. Die Zuschauer waren begeistert! Gecoacht haben uns in dieser Zeit Balletttänzer von der Komischen Oper Berlin. Wir traten in Theatern und Opernhäusern in Deutschland und im Ausland auf. Wenn große Kompanien etwas mit Tango machen wollten, riefen sie uns an. In Kiel und später in Berlin tanzten wir in Piazzollas Tango-Oper „María de Buenos Aires“. Wir gingen auch mit unserer eigenen abendfüllenden Show auf Tour.

Ulrike Schladebach und Stephan Wiesner fasziniert die spielerische Qualität des Tangos.
Tanz und Schauspiel: Stravaganza fasziniert die spielerische Qualität des Tangos. Foto: Sebastian Schrade

Konntet ihr von diesen Engagements leben?

Ulrike: Nein, die Auftritte alleine reichten nicht. Wir gaben immer auch Unterricht und tanzten bei Firmenevents und Messen. Die Lufthansa, Volkswagen oder die Allianz buchten uns für Galas und Produkteinführungen. Da mussten wir uns manchmal ganz schön was einfallen lassen. Am extremsten war eine Modenschau im KaDeWe, bei der wir auf einem zwei Quadratmeter kleinen, sehr hohen Tisch tanzen sollten. Haben wir aber hinbekommen!

In den Neunzigern habt ihr Milongas veranstaltet. Wie kam es dazu?

Ulrike: Kurz nach der Wende traten wir im Chamäleon in den Hackeschen Höfen auf. Die Betreiber fragten uns, ob wir nicht eine Milonga organisieren wollten. Das war noch vor der Sanierung des Komplexes. Wir blieben mit unserer Milonga anderthalb Jahre dort. Danach zogen wir um, in den Kaisersaal des alten Esplanade am Potsdamer Platz – damals eine Ruine im Nirgendwo. Anschließend waren wir im Fliegenden Theater, wo wir auch Shows tanzten, und bis zum Jahr 2000 in der Tanzschule Walzerlinksgestrickt. Der Freitag war immer unser Tag. An guten Abenden kamen bis zu 250 Leute zum Tanzen – es gab aber noch nicht so viel Konkurrenz.

Stephan: Dann folgte die Zeit der kostenlosen Open-Air-Milongas. Die brachen vielen Veranstaltern das Genick, auch für uns wurde es schwierig, weil den Sommer über niemand mehr Eintritt zahlen wollte. Nach der Jahrtausendwende konzentrierten wir uns dann wieder auf unsere Shows und das Unterrichten.

Ulrike Schladebach & Stephan Wiesner

  • Beide stammen aus Berlin
  • Er begann 1984 mit dem Tango, sie ein Jahr später
  • Seit 1988 stehen sie als Duo Stravaganza auf der Bühne
  • Highlight-Shows in Berlin: Auftritte in der Philharmonie (1998-2008) und zwei Spielzeiten von „María de Buenos Aires“ in der Komischen Oper (2005 und 2006)
  • Sie unterrichten im Tangoloft und veranstalten dort eine Praktilonga
  • www.stravaganza.de

Was bringt ihr euren Schülern bei – Bühnentango?

Stephan: Das haben wir auch gemacht, aber das waren Ausnahmen. Wir unterrichten klassische Tangotechniken, die man auf der Milonga nutzen kann. Es geht nicht darum, alles perfekt zu machen. Es geht um eine gute Technik und um den spielerischen Dialog im Paar. Ich finde erschreckend, wie bitterernst viele Leute heute den Tango interpretieren. Da waren die Anfangsjahre in Berlin viel lebendiger!

Ulrike: Was wir von unserer Bühnenarbeit mitbringen, ist unser Gespür für die spielerische Qualität des Tangos, sein Potenzial, ihn dramaturgisch zu gestalten. Das wollen wir im Unterricht vermitteln. Das heißt aber nicht, dass beim Tangotanzen alles geht. Eine solide Technik muss die Basis sein. Da sind wir als Lehrer durchaus streng.

Ist Tango ein Tanz, den man gut noch in fortgeschrittenem Alter erlernen kann?

Stephan: Das ist sehr individuell. Wichtiger als die physische Beweglichkeit ist ein wacher Kopf. Tango erfordert Konzentration und eine gewisse Merkfähigkeit. Je später man startet, desto schwieriger wird das. Aber unter unseren Schülerinnen und Schülern sind einige Ältere, die das sehr gut machen. 

Tretet ihr noch auf?

Ulrike: Nur noch selten. Wir sind in unseren goldenen Jahren und ich behaupte nicht, dass ich mich wie 30 fühle. Aber ich fühle mich durch unser tägliches Training sehr wohl in meinem Körper. In unserem Berliner Alltag tanzen wir jeden Vormittag zusammen. Das ist unheimlich wichtig und sehr schön. Ich freue mich jeden Tag auf das Tanzen mit Stephan! Inzwischen bewegen wir uns aber auch gerne hinter den Kulissen. Ich bin als Regieassistentin unterwegs, Stephan fotografiert viel.

Was sind eure Zukunftspläne?

Ulrike: Ich träume davon, gemeinsam mit anderen einen Ort zu schaffen, an dem man frei tanzen kann und trotzdem eine strenge Verpflichtung der Tanztechnik gegenüber hat. Niemand soll zum Außenseiter werden. Gruppen sind oft rigide und ersticken Kreativität im Keim. An diesem Ort gäbe es tänzerischen Anspruch, aber auch ganz viel Freiraum und Empathie. Dienstags bei unserer Praktilonga im Tangoloft setzen wir das ganz gut um, finde ich.

Stephan: Was einen eigenen Raum angeht, bin ich mir nicht so sicher. Den dauerhaft zu bespielen, ist doch viel zu anstrengend.

Ulrike: Und du würdest trotzdem mitmachen.

Mehr Interviews gibt es hier und im Tango-Guide Berlin.