Warum Berliner Tango lieben

Im Moment tanzt Berlin leider keinen Tango. Aber die Liebe für den Tanz, die Musik und das wunderbare Gemeinschaftsgefühl sind auch während der Corona-Krise riesengroß!

Berlin tanzt Tango – in Tanzschulen und Ballhäusern, Clubs und Restaurants, Fabriketagen und Salons. Im Sommer lassen sich die Tänzerinnen und Tänzer in der Strandbar an der Museumsinsel oder beim Tangofestival im Hauptbahnhof beobachten – in enger Umarmung und versunken in die Musik. Wer dabei denkt, das würde ich am liebsten auch mal probieren, dem sei gesagt: Nur zu! Jeden Tag gibt es Tangokurse in Berlin. Auch wer noch keinen Tanzpartner hat, ist willkommen. 

Ein paar Tausend Hauptstädter werden es sein, die regelmäßig Tango tanzen, von der Studentin bis zum Rentner. Genaue Zahlen gibt es nicht. Hinzu kommen allwöchentlich Besucher aus dem In- und Ausland, die es speziell zum Tangotanzen nach Berlin zieht. Mehr als hundert Menschen befassen sich beruflich mit dem Tango, als Lehrerinnen und Lehrer, Musikerinnen und Musiker, DJs und Fashion-Fachleute. 

Was fasziniert all diese Menschen am Tango? Warum lieben Berlinerinnen und Berliner den Tango und gehen Nacht für Nacht tanzen?

Tango berührt das Herz

Da wäre zunächst die Musik, die es so gut versteht, komplexe Gefühle zu spiegeln, die traurig-melancholische Töne genauso kennt wie fröhlich-beschwingte. Das seufzende Bandoneon ist das charakteristischste Instrument des Tangos. Deutsche Auswanderer brachten es vor mehr als 100 Jahren nach Argentinien und Uruguay, in die Geburtsländer des Tangos. Auch wenn die meisten Berliner Tangofans die spanischsprachigen Texte nicht verstehen, die universelle Botschaft der Musik trifft sie doch mitten ins Herz. 

Berlin hat eine eigene Tangomusikszene, wenn auch eine überschaubare. Die Hauptstädter sind stolz auf ihr Community Tango Orchestra, in dem Profi- und Laienmusiker gemeinsam musizieren. Daneben gibt es kleinere und größere Tango-Ensembles, die Tanzveranstaltungen mit Live-Musik bereichern.   

Die Berliner lieben den Tango: Ein Tanzpaar bei der Domilonga vor einer Wand mit einer Videoprojektion.
Bei der “Domilonga” werden Videos an die Wand projiziert. Einmal im Monat ist die Milonga im “Tangotanzen macht schön” in Kreuzberg zu Gast. Foto: Maddalena Zampitelli

Tango bietet Raum zur Entfaltung

Am wichtigsten für die Berliner Tangofans ist der Tanz. Das Besondere dabei: Im Gegensatz zu den meisten anderen Paartänzen wird der südamerikanische Tango improvisiert getanzt. Es gibt keine vorgegebene Schrittfolge und das Tempo ist variierbar. Das eröffnet Tänzerinnen und Tänzern unendlich viele Möglichkeiten, sich individuell auszudrücken. Ein und dasselbe Musikstück wird von jedem Paar anders interpretiert. Kein Tanz gleicht dem anderen. Und doch können alle, die die Technik gut beherrschen, miteinander tanzen. Menschen, die sich nie zuvor begegnet sind, bewegen sich gemeinsam zur Musik, als hätten sie es vorher hunderte Male geübt. 

Die Freiheit, die der Tango bietet, passt zu Berlin und den experimentierfreudigen Menschen, die hier leben. Es gibt eine große Szene, die sich den traditionellen Tangos der 1930er- und 40er-Jahren verschrieben hat. Daneben gibt es aber auch eine alternative Szene, die immer wieder nach neuen musikalischen und tänzerischen Ausdrucksformen sucht. Den Tango aus Buenos Aires bloß imitieren? Das reicht Berlin nicht. Die Menschen hier fügen dem Tango mit Respekt für seine Wurzeln eigene Verästelungen hinzu. So entstehen in Berlin auch neue Tangos, komponiert zum Beispiel von Judith Brandenburg (zum Interview mit ihr). 

Tango macht fit und glücklich 

Die Bewegung zur Musik und der Körperkontakt mit dem Tanzpartner setzen Glückshormone frei. Viele Tänzerinnen und Tänzer sprechen deshalb von einer Sucht, empfinden den Tango als Droge. Gesünder als andere Rauschmittel ist er ganz sicher: Der Tango bringt den Körper in Bewegung, stärkt Ausdauer, Kraft, Gleichgewichtssinn und Flexibilität. Wer mehrmals die Woche tanzen geht, kann sich die Mitgliedschaft im Fitnessstudio sparen.

Studien zeigen, dass Tanzen das Gedächtnis trainiert und dem Abbau von Nervenzellen entgegenwirkt, wovon Patienten mit Alzheimer oder Parkinson profitieren können. „Die gesundheitliche Dimension des Tangos, seine heilende Wirkung ist bislang kaum erforscht“, sagt Tanzschulbetreiber Thomas Rieser. Er geht für seine Promotion an der Charité der Frage nach, inwieweit der Tango Krebspatienten dabei helfen kann, besser mit den Nebenwirkungen einer Chemotherapie fertig zu werden.       

Tänzerinnen und Tänzer bei der Berliner Milonga "Tango zum Glück".
Die Milonga “Tango zum Glück” findet einmal im Monat im Park am Gleisdreieck statt. Foto: Mirjam Zimmerli

Tango verbindet Menschen

Der Tango bringt Menschen zusammen und das nicht nur auf der Tanzfläche. Im Unterricht wird diskutiert und gelacht. Man verabredet sich zum Üben, geht gemeinsam auf Reisen, Freundschaften entstehen. Manche finden die große Liebe, andere zerstreiten sich. Wer den ganzen Tag allein am Schreibtisch verbringt, kann abends in der Tanzschule oder bei einer Milonga auf Gesellschaft zählen. Wer gerade keine Lust auf Gespräche hat, lauscht nur der Musik, ist aber trotzdem unter Leuten.

Ganz allgemein könne der Tango dabei helfen, Vorbehalte abzubauen, ist Veranstalter Fil Kirchner überzeugt. „Als Tänzer umarmen wir ständig fremde Menschen und das trägt sicher auch zu einem besseren Miteinander außerhalb der Tanzfläche bei.“

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