„Der Tango hat eine große therapeutische Kraft“

Tanzlehrer und Bewegungstherapeut Thomas Rieser spricht über seine ersten Schritte auf dem Tanzparkett, den Aufbau der Schule Nou und die heilsame Wirkung des Tangos.

+++++ Das Interview stammt aus dem vergangenen Jahr. Inzwischen ist Hagen Schröter, der langjährige Co-Geschäftsführer des Nou, ohne Abschiedsmilonga nach Mecklenburg-Vorpommern gezogen – auch das eine Folge von Corona (nicht der Umzug, sondern das Verschieben der Party). Bis zur nächsten “Wir-fallen-uns-alle-in -die-Arme-Milonga” legt DJ Francesco Cieschi jeden Freitag ab 21 Uhr bei der digitalen Nou-Milonga auf (via 030tango). Hört, guckt, tanzt und chattet mit! Den Eintritt könnt ihr via Crowdfunding entrichten. +++++

Thomas Rieser unterrichtet beim inklusiven Tangoprojekt Spreefeld Tango. Foto: Ule Mägdefrau
Thomas Rieser unterrichtet beim inklusiven Tangoprojekt Spreefeld Tango. Foto: Ule Mägdefrau

Du unterrichtest seit mehr als 15 Jahren. Erinnerst du dich noch an deine Anfänge als Tangotänzer?

Na klar. Das Lernen im Unterricht fiel mir nicht sonderlich schwer, aber das Auffordern auf Milongas war für mich eine große Hürde. Ich schaute lange nur zu und traute mich nicht, die Frauen, mit denen ich gern getanzt hätte, anzusprechen. Die Szene war viel kleiner als heute und Tänzer um die 20 konnte man an zwei Händen abzählen. Nach und nach lernte ich mehr Leute kennen, unter ihnen auch Hagen. Der hatte gar keine Probleme, Tänzerinnen aufzufordern (lacht).

Du meinst Hagen Schröter, deinen Co-Geschäftsführer im Nou?

Genau. Aber lange bevor unsere Zusammenarbeit begann, waren wir gemeinsam auf Milongas unterwegs. Als Experiment nahmen wir uns vor, keine Figuren zu tanzen, sondern nur musikalisch zu gehen. Und das hat funktioniert! Keine unserer Tanzpartnerinnen hat sich beschwert, dass das langweilig sei.

Was empfiehlst du deinen Schülerinnen und Schülern, ab wann sie Milongas besuchen sollten?

So früh wie möglich. Man lernt auch beim Zuschauen und Zuhören viel, selbst wenn man nicht gleich tanzt. Auf einer guten Milonga spürt man die soziale Kultur, die den Tango ausmacht. Man betritt den Raum und merkt, dass da etwas Besonderes passiert. Einen Raum zu schaffen, in dem Tango als soziales Phänomen im Hier und Jetzt leben kann – darum geht es uns auch bei der Freitagsmilonga im Nou.

Die Zahl der Milongas in Berlin scheint immer größer zu werden. Macht euch die Konkurrenz zu schaffen?

Konkurrenz belebt das Geschäft, das gilt auch für uns. Wir sind herausgefordert, jeden Abend gut zu sein. Die DJs sind sehr wichtig, gute Live-Musik und Shows tragen zur Lebendigkeit bei und fördern den künstlerischen und kulturellen Austausch. Und wir versuchen, eine Atmosphäre zu schaffen, in der sich unsere Stammgäste genauso wohlfühlen wie Gäste von außerhalb, Anfänger genauso wie fortgeschrittene Tänzer – das ist keine leichte Aufgabe. Wahr ist aber auch, dass wir ohne Abendveranstaltungen den Standort nicht finanzieren können.

Milonga im Nou. Foto: Ishka Michocka

Warum nicht?

Die Einnahmen aus dem Unterricht reichen nicht, um Miete, GEMA-Gebühren und alle anderen Kosten zu decken. Mit einer Tanzschule wird niemand reich. Hagen und ich erhalten Geld für die Kurse, die wir unterrichten – so wie alle anderen Lehrer im Team auch. Für die Geschäftsführung zahlen wir uns monatlich nur einen sehr kleinen Betrag aus, da wir, wenn es gut läuft, mit plus/minus null rauskommen. Es ist schon sehr viel Herzblut dabei. Bevor wir 2010 unseren Standort in Mitte eröffnen konnten, hat Hagen in Eigenregie die komplette Etage ausgebaut, sieben Tage und Nächte die Woche, drei Monate lang!

Wo war das Nou vorher?

Los ging es 2004 in Charlottenburg in einer ehemaligen Schmiede, in der ich nicht nur Tango veranstaltet habe. Die anderen Sachen – Kunstausstellungen und Bildungsseminare – haben sich mit der Zeit überlebt, und so ist Tango geblieben. Zunächst unterrichtete ich mit Susanne Opitz, die später zusammen mit Rafael Busch das TTMS gründete. Nach und nach wuchs die Schule, Ilka Puschmann und Hagen kamen als Lehrer dazu. 2008 wurde der Raum zu klein für die Milongas und wir mieteten einen zusätzlichen Raum im Prenzlauer Berg, den wir El Yeite tauften. Damals unterrichteten wir an beiden Standorten mit insgesamt acht Lehrern. Aber auch der neue Raum war nicht optimal und so sind wir 2010 in der Chausseestraße gelandet, wo wir uns alle sehr wohlfühlen.

Was würdest du sagen, was eure Schüler besonders an euch schätzen?

Dass wir als Team sehr gut funktionieren – nicht nur die Lehrer, sondern auch die Helfer. Alle bringen sich gern ein und das spüren die Schüler. Jeder Lehrer hat seinen eigenen Stil, wir sind ganz unterschiedliche Typen, wobei sich die Technik, die wir unterrichten, nicht zu sehr unterscheidet. Das offene Kurssystem kommt auch gut an: Jeder kann ohne Anmeldung vorbeikommen, wenn es zeitlich gerade passt.

Hagen zieht demnächst aus Berlin weg und verabschiedet sich damit auch vom Nou. Machst du allein als Geschäftsführer weiter?

Das ist ein gewaltiger Einschnitt für uns alle. Hagen hat enorm viel zur Gestalt des Nou beigetragen. In jeder Veränderung liegt jedoch auch eine Möglichkeit, in diesem Fall eine umfangreiche Neustrukturierung der Arbeitsbereiche. Die Geschäftsführung mache ich künftig alleine, in den anderen Bereichen arbeite ich mit Partnerinnen und Partnern zusammen. Ich bin sehr dankbar für die Unterstützung der vielen wundervollen Menschen, denen am Erhalt des Kulturstandortes Nou gelegen ist.

Thomas Rieser

  • Aufgewachsen im Ruhrgebiet
  • Seit 2000 in Berlin
  • Ausgebildeter Bewegungslehrer und -therapeut
  • Tanzt Tango seit 1998
  • Unterrichtet Tango seit 2004
  • Geschäftsführer der Tanzschule Nou Tango Berlin
  • Mitveranstalter des inklusiven Projekts Spreefeld Tango

Du organisierst gemeinsam  mit Ule Mägdefrau das inklusive Tangoformat Spreefeld Tango. Ist die Berliner Tangoszene sonst denn nicht inklusiv?

Auch wenn die Szene grundsätzlich freundlich und aufgeschlossen ist, sind viele Tangotänzer doch ziemlich selektiv in der Auswahl ihrer Tanzpartner. Es tanzt nicht jeder mit jedem. Bei Spreefeld Tango tanzen Menschen mit und ohne Beeinträchtigung zusammen. Aber so wichtig die inklusive Milonga ist, noch mehr liegt mir der Unterricht davor am Herzen. 

Wie unterscheidet der sich vom üblichen Unterricht?

Manche Schüler brauchen eine besondere Unterstützung durch uns Lehrer. Blinde Tänzer sehen zum Beispiel nicht, was wir vortanzen. Gehörlose hören die Musik nicht, können einem Hörenden aber folgen und so den Tango erleben. Andere Schüler haben soziale Phobien und würden sich gar nicht in eine Tanzschule oder auf eine größere Milonga trauen. Ihnen hilft der geschützte Raum. Es ist toll zu erleben, was für eine therapeutische Kraft der Tango entfaltet. Dieses Potenzial schöpfen wir noch lange nicht aus. 

Wie meinst du das?

Wir konzentrieren uns vor allem auf den Spaß, den der Tanz und die Musik bringen, was auch schön und berechtigt ist, aber Tango kann noch viel mehr sein als ein schöner Zeitvertreib. Er kann zum Beispiel in Managementseminaren ein neues Bild von Führen vermitteln. Oder Krebspatientinen und -patienten dabei helfen, besser mit den Nebenwirkungen einer Chemotherapie fertigzuwerden. Die gesundheitliche Dimension des Tangos, seine heilende Wirkung ist bislang kaum erforscht. 

Bist du selbst in der Richtung aktiv?

Ich promoviere an der Charité mit einer Tanzstudie mit Krebspatienten und kooperiere dazu mit dem Gemeinschaftskrankenhaus Havelhöhe. Ich habe Kunstgeschichte und Philosophie studiert und als gelernter Bewegungstherapeut und Tangolehrer ein ziemlich seltenes Profil. Dadurch habe ich die Möglichkeit bekommen, als Quereinsteiger auf diesem Gebiet zu forschen. Eine tolle Chance!

Und was würdest du gern mit dem Wissen und dem Doktortitel anfangen?

Im medizinischen Bereich arbeiten, forschen und die Therapie von Patienten mithilfe des Tangos unterstützen. Das fände ich sehr spannend und erfüllend. Und ich hätte damit ein zweites Standbein neben der Tätigkeit im Nou. Das Unterrichten würde ich allerdings nicht aufgeben wollen – das mache ich doch zu gern.

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