„Mach dein Tanzglück nicht von einem Partner abhängig!“

Judith Preuss, Leiterin der Tanzschule Mala Junta, spricht im Interview über führende Frauen, Veränderungen im Rollenverständnis und die große Freiheit, die ihr der Tango eröffnet hat.

+++++ Das Interview fand im Frühjahr 2019 statt. Während der Coronakrise könnt ihr Judith Preuss und ihr Team vom Mala Junta via Crowdfunding unterstützen. Die Hälfte der Spenden geht an die freiberuflich tätigen Lehrerinnen und Lehrer, die andere Hälfte an die Schule. ++++++

Judith Preuss lernte von Beginn an beide Rollen: Führen und Folgen. 
Foto: Mikael Holber

Du hast beim Tangofestival in der Komischen Oper Berlin zu Astor Piazzollas Vertonung von Shakespeares Sommernachtstraum getanzt. Wie war das für dich?

Ziemlich schräg! Die Opernbühne ist nämlich hinten viel höher als vorne. Das war eine echte Herausforderung für uns Tänzer. Aber zu live gespielten Stücken von Piazzolla zu tanzen, war natürlich toll! Für mich hat sich damit auch ein Kreis geschlossen: Als ich 18 oder 19 Jahre alt war, hörte ich auf einer Party eine Schallplatte von Piazzolla. Das war meine erste Begegnung mit dem Tango.

Begannst du schon damals mit dem Tanzen?

Erst drei Jahre später fing ich an, Unterricht zu nehmen. Es gab deutlich weniger Führende als Folgende. Als ich die Lehrerin Irmel Weber kennenlernte, sagte die mir: „Lern das Führen und du kannst so viel tanzen, wie du willst.“ Genau das tat ich und es stimmte: Dass ich beide Rollen konnte, hat mich in den Kursen und auf den Milongas freier gemacht.  

Judith Preuss

  • Geboren in Berlin
  • Studierte Romanistik und Germanistik auf Lehramt
  • Tanzt Tango seit 1991
  • Unterrichtet Tango seit 1997
  • Inhaberin der Tanzschule Mala Junta

Gab es in den Neunzigern mehr führende Frauen als heute?

Damals war Berlin viel progressiver. Es gab zum Beispiel regelmäßig große Frauenbälle mit Shows. Lehrerinnen wie Angelika Fischer und Brigitta Winkler tanzten und unterrichteten einen sehr emanzipierten Tango. Ich war während meines Pädagogikstudiums auch einige Zeit in Frankreich und lernte die Pariser Tangoszene kennen. Dort fiel ich als führende Frau sehr auf. Bei einem Besuch in Buenos Aires wurde ich sogar mal von der Tanzfläche geworfen, weil ich führte. Da war Berlin viel freier. Um die Jahrtausendwende gab es aber eine extreme Rückwende hin zu einem klassischen Mann-Frau-Rollenverständnis im Tango. 

Wie kam das?

Ich weiß es nicht. Vielleicht weil sowohl die Argentinier als auch die Europäer begannen, nach dem vermeintlich traditionellen Tango zu suchen. Ich habe großen Respekt vor der Herkunft des Tangos, aber wir müssen hier in Berlin nicht alles nachahmen. Es braucht meiner Meinung nach auch keinen Regelkanon für Milongas. Die Leute sollen selbst aufpassen, dass sie nicht gegen den Tisch tanzen. Tango ist doch ein Tanz, der einem sehr viel Freiheit gibt!

Judith Preuss mit Armin Marschall, der zum Team des Mala Junta gehört.
Foto: Mikael Holber

War dein Freiheitsdrang auch ausschlaggebend dafür, dass du 2003 eine eigene Tanzschule eröffnet hast?

Nach meinem Studienexamen fragte mich mein Vater: „Judith, was machst du da eigentlich? Kindergeld bekommen wir jetzt nicht mehr …“ Ich gab schon länger Tangokurse, hatte aber in der Tanzschule keine Perspektive. Nun musste ich mich entscheiden, mein Referendariat zu machen oder einen Ort zu schaffen, an dem ich weiter Tango unterrichten konnte. Ich entschied mich für den Tanz. Damals traute ich mich aber nicht, allein eine Schule aufzubauen. Zur ersten Mala-Junta-Crew gehörten neben mir Raimund Schlie und Susanne Schrimpf. Inzwischen führe ich die Schule allein, unterstützt von meinem Mann, der mich immer wieder bittet, doch etwas unternehmerischer zu denken (lacht).

Was steckt hinter dem Namen „Mala Junta“?

Es gibt einen Tango mit diesem Titel. Der Name lässt sich mit „schlechter Umgang“ übersetzen, bezeichnet ursprünglich, wie ich mal hörte, ein Pferdepaar, das vor der Kutsche nicht gut zusammen läuft. Der Name ist natürlich ironisch gemeint. Wir waren die erste teamfähige Tangoschule in Berlin. Und auch heute ist das Mala Junta genau der richtige Umgang für alle, die nach einer Gemeinschaft suchen, in der sie sich tänzerisch ausprobieren können.

Was ist dein wichtigster Tipp für Schülerinnen und Schüler?

Mach dein Tanzglück nicht von einem Partner abhängig, sondern entwickle deinen eigenen Tango! Das beherzige ich selbst auch als Lehrerin und bei Auftritten: Statt mich an einen Unterrichts- oder Tanzpartner zu binden, genieße ich es, mit vielen verschiedenen Menschen zu arbeiten. 

Worauf legst du beim Schulprogramm besonderen Wert?  

Ich möchte, dass der Unterricht möglichst vielfältig ist: von Salontango bis zu akrobatischem Tango. Für ein breites Angebot braucht es viele unterschiedliche Lehrerinnen und Lehrer. Zu meiner großen Freude habe ich ein sehr diverses Team. Außerdem lade ich immer wieder Gastlehrer für Workshops und Shows ein.

Deine Mittwochsmilonga gibt es seit über 15 Jahren. Was ist dein Geheimnis?

Auch bei der DJ-Auswahl setze ich auf Vielfalt. Ich würde nie einem DJ sagen, was er oder sie machen soll, etwa auf traditioneller Musik bestehen. Die Leute können sich bei mir ausprobieren und weiterentwickeln. Das schätzen auch die Gäste. Einmal im Monat gibt es die Spezialausgabe „La Milonga Que Faltaba“ mit Live-Musik oder Showtänzen.  

Beim Café Domínguez geht es aber schon sehr traditionell zu …

Da vermiete ich nur den Raum an die Veranstalter. Aber es stimmt: Das Café Domínguez ist mit traditioneller Musik erfolgreich. Überhaupt funktionieren Nachmittagsmilongas zurzeit sehr gut. Milongas, bei denen bis morgens um sechs getanzt wird, gibt es nur noch selten. Die Nachtvögel sind irgendwie auf dem Rückzug.

Du organisierst regelmäßig Tangourlaube in Berlin. Auf welche Milongas nimmst du die Teilnehmer abends mit?

Das ist sehr unterschiedlich und stark abhängig von den Wünschen der Teilnehmer. Die sind meist sehr gut darüber informiert, wo was los ist. Die große Auswahl an Veranstaltungen schätzen aber alle an Berlin.

Zum Crowdfunding fürs Mala Junta

Judith hat Lea Martin vom Blog “Berlin Tango Vibes” erzählt, wie es ihr in der Tangozwangspause geht. Hier findet ihr das Interview.

Weitere Interviews mit Berliner Tangoschaffenden gibt es hier und im Tango-Guide Berlin.