„Früher dauerten Milongas bis fünf Uhr morgens“

Michael Rühl tanzt und unterrichtet seit den Achtzigerjahren, heute ist er der bekannteste Milongaveranstalter und DJ Berlins. Hier erinnert er sich an die Anfänge und spricht über sein Faible für Originalaufnahmen und alte Tangobücher.

+++++ Das Interview wurde im Oktober 2019 geführt. Inzwischen hat Corona alle Tangoschaffenden zwangsbeurlaubt. Unterstützt Michael Rühl in dieser schwierigen Phase via Crowdfunding! +++++

Auch wenn sein T-Shirt etwas anderes behauptet: ­Michael Rühl mag neben Tango auch Ska. Er spielt in einer Ska-Band.
Foto: Ivo Saint/@ivosaint

Wie bist du zum Tango gekommen?

Anfang der Achtzigerjahre, mit Anfang 20, war ich einige Zeit in Brasilien. Nach meiner Rückkehr wollte ich südamerikanischen Paartanz lernen und klapperte alle möglichen Tanzschulen in Berlin ab. Da konnte man aber immer nur Kurse für sämtliche Latein- und Standardtänze im Paket buchen. Darauf hatte ich keine Lust. Dann las ich im Stadtmagazin „tip“ von einem Tangoabend in der Kulturfabrik Tempelhof und ging hin. Das war im Herbst 1983. Veranstalter war Juan Dietrich Lange. 50, 60 Leute tanzten damals dort schon Tango. Mir gefielen der Tanz und die Musik sehr. Von Ostern 1984 an besuchte ich einen Tangokurs bei Juan, gemeinsam mit einer Tanzpartnerin und zwei anderen Paaren. So ging das damals los.

Was hast du zu der Zeit beruflich gemacht?

Ich war Gelegenheitsarbeiter, fuhr Lastwagen. Das mache ich heute immer noch. Ich holte dann auch mein Abitur nach und studierte Musikethnologie.

Michael Rühl

  • Stammt aus Berlin
  • Tanzt Tango seit 1984
  • Unterrichtet Tango seit 1986 
  • Veranstaltet Milongas seit 1987
  • Hat eine Tangosammlung mit 9.000 Platten und CDs
  • Fährt im Zweitberuf Lastwagen 
  • Milongas: Tangonacht im Roten Salon, Tangonacht im Walzerlinksgestrickt, im Sommer Strandbar Monbijoupark

Wann begannst du mit dem Unterrichten?

Ein Tänzer, den ich kannte, war Sozialarbeiter im Jugendheim Weiße Rose. 1986 begann ich, den jungen Heimbesuchern und anderen Interessierten Tango beizubringen. Juan D. Lange fragte mich wenig später, ob ich nicht in seiner Schule – dem Estudio Sudamérica – Anfänger unterrichten könnte. Bevor ich damit begann, wollte ich aber erst einmal nach Buenos Aires und Montevideo, um mir den Tango in seiner Heimat anzuschauen. Ich nahm intensiv Unterricht und begann auch, mich mit der Musik zu beschäftigen. Ich kaufte gleich mal ein paar Dutzend Vinyl- und Schellackplatten. Zurück in Berlin legte ich bei einer Milonga in der Weißen Rose auf. Und ich gab Unterricht im Estudio Sudamérica, insgesamt 23 Jahre lang.   

Wie war die Tangoszene im Westberlin der Achtziger?

Namhafte Tänzer vom Río de la Plata kamen immer mal wieder als Gastlehrer nach Berlin, darunter Gloria und Eduardo Arquimbeau und Antonio Todaro. Bei der ersten regelmäßigen Milonga, freitags im Metropol am Nollendorfplatz, tanzten schon über 100 Leute. Juan D. Lange unterrichtete vorher einen südamerikanischen Tanz wie Cumbia oder Bolero. Anders als heute dauerten die Milongas damals oft bis fünf Uhr morgens oder länger!

Was passierte nach der Wende?

Für die Tangoszene war das eine spannende Zeit. Das Platzangebot in Westberlin war ja begrenzt und es war auch verhältnismäßig teuer. Ulrike Schladebach und Stephan Wiesner eröffneten eine Milonga im Chamäleon in den Hackeschen Höfen, später im Esplanade am Potsdamer Platz. Mitte der Neunziger kam die Milonga von Thomas Klahn in der Kalkscheune dazu. Meine damalige Partnerin Jessica Serrano und ich überlegten, wo wir eine Milonga veranstalten könnten. Im „tip“ stießen wir auf den Roten Salon neben der Volksbühne. Der war an einen Kölner verpachtet, und wir fragten ihn kurzerhand, ob wir einmal pro Woche den Raum mieten könnten. Wir konnten! Seit 1993 gibt es nun schon Tango im Roten Salon der Volksbühne.

Welche Musik hast du damals aufgelegt?

Zunächst spielte ich neben Tangos auch Cumbia und Swing, aber weil die Leute dazu nicht tanzen konnten, beschränkte ich mich bald auf Tangos, Milongas und Valses. Ich habe die Musik in Tandas aufgeteilt und zwischendurch Cortinas gespielt. So hatte ich es in Buenos Aires erlebt. Die Atmosphäre im Roten Salon war toll: Sofas, Kerzenlicht, dazu die Theaterbesucher, die nach der Vorstellung auf einen Drink vorbeikamen.

Wie reagierten die Theaterleute auf den Tango?

Die waren sehr erstaunt. Ich glaube, auch dadurch haben wir neue Tänzerinnen und Tänzer gewonnen. 

Die Tangonacht im Roten Salon gibt es noch. Es war nicht immer leicht, oder?

Wir mussten zwischen 2001 und 2004 aussetzen. Technopartys brachten den Betreibern viel mehr Umsatz. Leider haben die Feiernden das Mobiliar im Roten Salon stark beschädigt und es musste ausgetauscht werden. Danach durften wir weitermachen, bis der neue Volksbühnen-Intendant Chris Dercon uns 2017 rauswarf. Es gab eine phänomenale Unterschriftensammlung für den Erhalt unserer Milonga. Dann durften wir einmal im Monat rein. Zum Glück hielt sich Dercon nicht sehr lange. Jetzt sind wir bei ein bis zwei Veranstaltungen im Monat.

2017 kämpften die Berliner mit einer Unterschriftensammlung für den Erhalt der Tangonacht im Roten Salon. Foto: Ulrike Wronski

Wird es in der Innenstadt  immer schwerer, Orte für den Tango zu finden?

Das Kommen und Gehen von Tango-Locations gehört in Berlin dazu, aber die steigenden Immobilienpreise erhöhen natürlich den Druck auf uns Veranstalter. Trotzdem lässt sich immer noch etwas finden.

Hat sich dein Musikgeschmack im Laufe der Zeit verändert?

Der ändert sich fast jeden Tag (lacht). Es gibt Musik, die gefällt mir von Anfang an. Und dann gibt es Sachen – zum Beispiel Tangos der Sechziger- oder Siebzigerjahre – die mochte ich erst nicht. Inzwischen gefallen sie mir zum Teil aber sehr. Die Musiker haben sich über die Dekaden weiterentwickelt, die Stücke sind komplexer geworden.

Wie gehst du damit als DJ um?

Da sind viele ältere, erfahrene Tänzerinnen und Tänzer dabei, aber auch jüngere, die sich noch nicht lange mit dem Tango beschäftigen. Ich suche also eine Balance zwischen Stücken der Dreißiger- und Vierzigerjahre sowie neueren Sachen, wovon ich aber auch nicht zu viele hintereinander bringen kann, damit es nicht zu speziell wird.

Wie stellst du deine Tandas zusammen?

Ich habe meist so sieben oder acht Titel für eine Tanda in der Playlist und suche dann während der Milonga je nach Stimmung drei oder vier aus. Manchmal nehme ich spontan auch noch Songs dazu, die nicht in meiner Liste stehen. Ich kreiere also immer wieder neue Tandas. 

Bildet deine große Musiksammlung die Grundlage?

Ja. Zu Hause habe ich 8.000 Schellack- und Vinylplatten und 1.000 CDs. Auch ein paar Hundert original Musikkassetten. Gerade bin ich dabei, meine Originalpressungen professionell zu digitalisieren, um sie vielleicht demnächst auf einer Onlineplattform zum Verkauf anzubieten. Viele Dateien, die sonst erhältlich sind, sind fehlerhaft aufgenommen worden. Eventuell wurde die Platte bei der Aufnahme im falschen Tempo abgespielt. Oder es fehlen bestimmte Frequenzbereiche, der Vorverstärker wurde falsch eingestellt – manchmal kommt es auch zu Umwandlungsverlusten von mp3 auf CD, wobei eine solche Umwandlung an sich natürlich blödsinnig ist. Ich versuche, dem Original so nah wie möglich zu kommen, aber schon da fangen die Schwierigkeiten an, denn was ist ein Original überhaupt?

Du sammelst auch Bücher über den Tango. Was interessiert dich dabei besonders?

Ich wollte immer wissen, wo der Tango herkommt und wie er früher getanzt wurde. Deshalb nahm ich bei meinen Besuchen in Buenos Aires bevorzugt Unterricht bei älteren Lehrerinnen und Lehrern. Die hatten schon in den Dreißiger- und Vierzigerjahren getanzt und ich konnte sie nach dieser Zeit fragen. Das ist auch der Grund, warum ich historische Tangobücher sammle. Ich habe 300 bis 400 Bücher. Darunter sind viele Originalquellen zu den Anfängen des Tangos. 

Besitzt du auch Originalquellen aus der ersten Berliner Tangophase?

Was vor etwa hundert Jahren in Berlin getanzt wurde, hat mich nie interessiert.

Was ist dein wichtigster Tipp für all jene, die gerade mit dem Tangotanzen anfangen?

Geduld! Tango ist eine komplexe Sache und man braucht viel Geduld, weil anfangs erst einmal nicht viel klappt.

Crowdfunding-Kampagne von Michael Rühl
Facebook-Seite von Michael Rühl

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