„Ich liebe diese Musik seit meiner Kindheit“

Gustavo Colmenarejo arbeitet als Tanzlehrer und steht als Sänger und Gitarrist auf der Bühne. Wie der Argentinier schon als Junge für den Tango entbrannte, was ihn nach Berlin führte und warum es keine Rolle spielt, dass die meisten Zuhörer hier die Liedtexte nicht verstehen.

+++++ Das Interview wurde im Sommer 2019 geführt. Derzeit ist Gustavo bei seiner Familie in Argentinien. Von dort hat er den musikalischen Videogruß geschickt, den ihr unten findet. +++++

Gustavo Colmenarejo
Gustavo Colmenarejo bereichert Milongas in Berlin mit Live-Musik.
Foto: Jetmir Idrizi 

Tanzen oder Singen – was nimmt bei dir mehr Raum ein?

Schon das Tanzen, aber beides, das Tanzen und das Singen, ist für mich untrennbar mit der Musik verbunden, die ich seit meiner Kindheit liebe.

Wo hat diese Liebe ihren Ursprung?

Ich erinnere mich an zwei ausschlaggebende Momente. Mit zehn oder elf Jahren entdeckte ich im Bücherregal meiner Mutter ein Liederbuch mit den 100 bekanntesten Tangos. Ich bat sie, mir daraus vorzusingen. Das tat sie, a cappella mit ihrer schönen Stimme. Sie kannte die Tangos alle aus ihrer Jugend. Von da an sangen wir zusammen in der Küche, wenn sie kochte.

Und der zweite Moment?

Ein Schulfreund gab mir ungefähr zur selben Zeit eine Kassette mit Tangoliedern, die er im Radio mitgeschnitten hatte. Ich kopierte sie mir und legte damit die Basis für eine Sammlung, die in den nächsten zwei Jahren auf 300 Kassetten anwuchs. Für mich gab es nichts Schöneres als diese Lieder. Ich kenne die Texte noch heute auswendig. Ich war echt ein schräges Kind. Tango war in den Neunzigern noch nicht wieder populär in Argentinien, schon gar nicht in einer Kleinstadt wie Río Tercero. Umso begeisterter war ich, als ich im Radio von einer Tanzakademie für Folklore und Tango hörte. Ich rief: „Mama, da will ich hin!“

Sie ließ dich hingehen?

Ja, vermutlich war sie froh, dass ich nicht mehr nur in meinem Zimmer sitzen und Tango hören wollte. Ich ging also wie Carlos Gardel zurechtgemacht – mit viel Gel im Haar und adrettem Hemd – in diese Akademie. Dort verguckte ich mich in die Tänzerin, die mir die ersten Schritte zeigte. Sie war 17 und interessierte sich natürlich überhaupt nicht für mich. Bald verbrachte ich alle Nachmittage und Abende in der Tanzschule, lernte Tango und Folklore, half im Unterricht aus, fuhr mit zu Festivals. Die Leute da wurden meine zweite Familie. 

Gustavo Colmenarejo:

  • Wuchs in der argentinischen Provinz Córdoba auf
  • Lebt seit 2005 in Berlin
  • Begann mit 12 Jahren zu tanzen
  • Unterrichtet seit 1998 Tango und Folkloretänze 
  • Tritt außerdem als Sänger und Gitarrist auf
  • www.gustavoargentangoblogspot.com

Stand damit dein Berufswunsch fest?

Nicht direkt, das hat sich einfach so ergeben. Mit 18 zog ich in die Stadt Córdoba, um intensiv Tango zu lernen. Am Wochenende fuhr ich meist in meine Heimatstadt, um weiter zu unterrichten. In einem geförderten Projekt hatte ich eine Gruppe von Senioren als Schüler. Auch meine Großmutter war dabei, was eine sehr schöne Erfahrung für mich war.

Was brachte dich nach Berlin?

Ich wollte wie viele Argentinier die Heimat meiner Vorfahren kennenlernen. In meinem Fall sind das Italien und Spanien. Berlin sollte der Ausgangspunkt für eine Europareise sein, weil ich hier eine Bekannte hatte. Mir gefiel die Stadt auf Anhieb so gut, dass ich blieb. Es war Frühling, ich fühlte mich frei, konnte arbeiten. Und ich war begeistert davon, wie einfach ich zum Unterrichten in andere Städte reisen konnte. Meine erste Tangoreise brachte mich nach Split. In Italien und Spanien war ich dann natürlich auch. 

Bist du immer noch viel unterwegs?

Ja, ich reise als Lehrer nach wie vor sehr gern. Deshalb habe ich mich auch nie an eine Schule gebunden, sondern gebe in Berlin hauptsächlich Einzelunterricht und hin und wieder Workshops.

Was ist dir als Lehrer wichtig?

Ich versuche immer herauszufinden, was meine Schülerin oder meinen Schüler freier machen könnte, an welchen Dingen wir arbeiten können, damit das Spektrum der persönlichen Ausdrucksmöglichkeiten größer wird. Es geht nicht um Wissen, das man lernen kann, sondern um einen Prozess, der einen näher zu einem selbst bringt.

Wie hast du den Gesang als Ausdrucksmöglichkeit für dich wiederentdeckt?

Ich hatte immer für mich und auch im Freundeskreis gesungen. Ein Freund, der mehr an meine Fähigkeiten glaubte als ich, überredete mich eines Tages, auf die Bühne zu gehen und ein paar Tangos zu singen. Danach habe ich nicht mehr aufgehört.

Wie nimmst du die Tangomusikszene in Berlin wahr?

Für die Größe der Stadt und die Größe der Tanzszene gibt es relativ wenige Musiker, die sich mit Tango beschäftigen. Es fehlt hier aber auch eine Tradition, zu Live-Musik zu tanzen. Das ändert sich gerade erst, weil immer mehr Milongaveranstalter Auftritte fördern. Und weil es Musiker gibt, die mit großer Freude Tango spielen und auch dann auftreten, wenn es sich finanziell nicht lohnt. Live-Musik auf Milongas ist mit einigem Aufwand verbunden: Die Musiker müssen vorher proben, die Technik muss auf- und später wieder abgebaut werden. Aber wenn die Leute die Musik genießen und dazu tanzen, ist das wunderbar.

Stört es dich nicht, dass die meisten deiner Zuhörer hierzulande die Texte nicht verstehen?

Dann bekommen sie wenigstens nicht mit, wenn ich etwas durcheinanderbringe (lacht). Nein, im Ernst: Ich singe mehr für mich selbst als für andere. Wichtiger als der Text ist das Gefühl, das die Musik auslöst. Und bei mir löst sie sehr viele Gefühle aus.

Mehr Interviews mit Berliner Tangoschaffenden findest du hier und im Tango-Guide Berlin.