„Die Stimmung auf einer guten Milonga ist unübertroffen“

Monica Suteu und Frank Seifart organisieren Festivals und Milongas in der Stadt. Hier erklären sie, warum für sie rücksichtsvolles Tanzen an erster Stelle steht und was einen guten DJ ausmacht.

+++++ Das Interview wurde im Dezember 2019 geführt. Das Festival Trasnochando, das Ostern stattfinden sollte, ist wegen Corona verschoben. Auf einigen der Kosten bleiben Monica und Frank sitzen (von der monatelangen Vorarbeit ganz zu schweigen). Helft ihnen, indem ihr spendet oder auf die Erstattung eurer Festivaltickets verzichtet, wenn ihr euch das finanziell erlauben könnt. +++++

Frank Seifart und Monica Suteu legen viel Wert auf Tango-Etikette. Foto: Harald Keller

Ihr legt bei euren Veranstaltungen großen Wert auf Etikette. Woher kommt das?

Frank: Meine erste Reise nach Buenos Aires 2008 hat mir die Augen geöffnet. Die Leute tanzten so geordnet! Auch in großen, vollen Milongas nahmen die Paare aufeinander Rücksicht und jeder konnte ungestört tanzen. Die Bewegungen waren sparsam, dafür absolut in der Musik. Nach der Tanda setzten sich alle hin, damit sie sich mit Hilfe des Cabeceos auffordern konnten. Dieses Auffordern per Blick und Kopfnicken funktionierte von einem Ende des Raumes zum anderen. Ich habe das alles aufgesogen. Eine solche Tango-Etikette gab es in Berlin zu dieser Zeit nicht.  

Wie liefen die Milongas in Berlin ab?

Frank: Auf den Tanzflächen ging es chaotisch zu. Da war oft keine Ordnung zu erkennen. Im Ergebnis war man als Tänzer gestresst, weil man sich nicht auf die Musik und den Partner konzentrieren konnte. Außerdem hatten es die Fans von traditionellen Tangos schwer. Überall wurde mehr oder weniger Tango Nuevo aufgelegt. Es gab meines Wissens keine besuchenswerte, rein traditionelle Milonga mehr. Wurde dann zwischendurch mal eine Tanda mit klassischer Musik gespielt, stürmten wir aufs Parkett, weil wir ja nie wussten, wann die nächste Gelegenheit kommen würde. Es gab zu dieser Zeit auch keine Cortinas. Die habe ich 2009 ganz bewusst wieder eingeführt, beim Tango Social Club, den ich damals im Urquiza veranstaltete. 

Mit dem Café Domínguez hast du dann 2011 deine Vorstellung von einer geordneten Milonga umgesetzt?

Frank: Ja, mir war wichtig, dass die Paare Rücksicht aufeinander nehmen und es einen guten Tanzfluss gibt. Um das zu etablieren, habe ich zwischendurch Ansagen gemacht und Flyer verteilt, auf denen erklärt wurde, wie eine Ronda funktioniert. Leute, die sehr raumgreifend tanzten, habe ich angesprochen. Viele haben das gut aufgenommen, wenige andere waren beleidigt. Ich hatte schnell einen Ruf als „Tangopolizist“ weg, aber der Milonga hat es gutgetan. 

Monica: Das Café Dominguez war nach meinem Umzug nach Berlin die erste Milonga, die ich besuchte. Endlich hörte ich viel von der Musik, die mir gefiel und die mir vorher gefehlt hatte, endlich lernte ich den Cabeceo richtig kennen. 

Das Café Dominguez im Mala Junta. Foto: Frank Seifart

Der Cabeceo wird in Berlin immer wieder diskutiert. Braucht es den wirklich? 

Monica: Ich schätze den Cabeceo sehr; er ist gleichermaßen effektiv und charmant. Wenn mich jemand direkt fragt, setzt mich das unter Druck und es bringt mich in die unangenehme Lage, genau so direkt antworten zu müssen, was fast immer zu einem Nein führt. Will ich gerade nicht tanzen, ist es für beide Parteien viel eleganter und diskreter, das anhand der Blicke zu kommunizieren.

Frank: Und für mich als Führenden ist es auch schöner, wenn eine Frau nicht nur deshalb mit mir tanzt, weil sie sich durch meine direkte Frage unter Druck gesetzt fühlt. Mit dem Cabeceo kann ich viel besser herausfinden, ob sie wirklich mit mir tanzen möchte.

Euer Musikgeschmack ist auch traditionell. Ihr legt fast nur Tangos aus der Zeit von 1935 bis Ende der Vierziger auf. Warum?

Frank: In dieser Periode, auch Época de Oro (Goldene Ära) genannt, entstanden viele musikalisch unheimlich komplexe und qualitativ hochwertige Tangos. Die besten Musiker, Komponisten und Sänger zog es damals zum Tango. Die bekannten Orchester übten beinahe täglich und traten fast jeden Tag vor vollen Häusern auf. Dadurch erlangten sie eine Spielroutine und Perfektion, die heute im Tango nahezu unerreichbar ist. 

Monica: Mit Beginn der Época de Oro lieferten die Tangos auch mehr Raum für Bewegungen – der Tanz entwickelte sich mit der Musik mit und wurde anspruchsvoller. Elemente wie Ochos oder Giros sind in der Época de Oro entstanden und passen daher nicht zur Struktur der Musik aus der Zeit davor.

Monica Suteu & Frank Seifart:

  • Frank ist im Berliner Umland aufgewachsen und lebt seit 1990 in Berlin
  • Monica kommt aus Rumänien, lebt seit 2001 in Deutschland, seit 2013 in Berlin
  • Er ist Biologe und arbeitet freiberuflich als Personal Trainer und Ernährungsberater
  • Sie hat Musik- und Theaterwissenschaften studiert und ist im Eventmanagement tätig
  • Frank tanzt seit 1998 Tango, Monica seit 2008
  • Beide unterrichten und arbeiten als DJs
  • Sie veranstalten in Berlin das Festival Trasnochando, die Milonga El Ocaso und Frank zusammen mit Daniela Feilcke-Wolff auch das Café Domínguez

Was macht einen guten DJ aus?

Monica: Er oder sie muss gute Tanzmusik spielen und den ganzen Abend so gestalten, dass die Energie stimmt und die Leute Lust aufs Tanzen haben. Man spielt also für die anwesenden Tänzer und nicht für sich selbst. Wenn man beim Auflegen versucht, besonders zu sein und unbekannte Tangos auszugraben, ist das oft kontraproduktiv für das Tanzerlebnis. Ich habe lange Musiktheater gemacht und da wurde auch immer mal eine längst in Vergessenheit geratene Oper inszeniert. Der Erfolg war in der Regel mäßig, denn es hat meist Gründe, warum ein Stück in der Versenkung verschwindet. Ein besonders guter DJ erzählt den ganzen Abend über eine Geschichte, man kann die Energiebögen richtig spüren.

Frank: Als DJ muss man drei Elemente in Einklang bringen: die Bedürfnisse der Tänzer, den eigenen Geschmack und die Qualität der Tangomusik. Letztere zu beurteilen, fällt vielen Europäern schwer. Viele Argentinier wachsen mit Tangomusik auf und auch andere Lateinamerikaner haben eine Verbindung zu der Musik oder den Texten, von denen manche auf bekannten Gedichten basieren. Der Zugang von uns Deutschen wird hingegen zunächst von der Musik geprägt, die wir im Unterricht hören. Und die ist oft eher einfach gestrickt. Deshalb sollte ein guter DJ weder den Geschmack der Tänzer noch seinen eigenen Geschmack zum alles bestimmenden Kriterium für die Musikauswahl erheben, sondern sein Publikum mit bewährten, guten und auch anspruchsvollen Stücken unterhalten.  

Ihr bildet selbst DJs aus. Was lernen sie in eurem Newcomer-Programm?

Monica: Wir vermitteln das Wissen, was wir uns im Lauf der Jahre angeeignet haben. Der historische Background bildet die Grundlage. Dann schauen wir uns zusammen an, wie man eine Tanda strukturiert und wie man einen ganzen Abend gestaltet. Wir geben auch praktische Hinweise zum Anlegen einer Musikbibliothek und dazu, wie das mit der GEMA läuft. Der ganze technische Part rund um das Equipment gehört natürlich auch dazu.

Wie lange dauert die Ausbildung?

Monica: Das ist ganz individuell, je nachdem wie viel Zeit die Teilnehmer aufwenden. Sie legen zwischendurch zu Übungszwecken Playlists an, und wir geben dazu Feedback. Man kann das Programm in einem halben Jahr durchlaufen, es kann aber auch schneller gehen oder länger dauern. In vielen Fällen dürfen die DJs bei unserer Milonga El Ocaso auflegen, um Praxiserfahrung zu sammeln.

El Ocaso im Frannz Club. Foto: Frank Seifart

Kostet die Teilnahme an eurem Programm etwas?

Monica: Nein, wir machen das, weil wir neue Leute fördern wollen. Wir merken auch bei der Planung unseres Festivals Trasnochando, dass es nicht leicht ist, DJs zu finden, die unser Musikverständnis teilen. 

Für euch beide ist der Tango Nebenerwerb. Was treibt euch an, jede Woche ein oder zwei Milongas und jährlich ein Festival zu organisieren?

Monica: Mir hat der Tango sehr viel gegeben und ich habe das Bedürfnis, etwas zurückzugeben. Leute zum Tanzen zu bringen, ihnen eine schöne Zeit zu bescheren, das macht mich sehr glücklich.

Frank: Die Stimmung auf einer guten Milonga ist für mich kaum zu übertreffen. Ich genieße es sehr, wenn sehr unterschiedliche Menschen dort eine tolle und entspannte Zeit miteinander haben. Das entschädigt auch dafür, dass man als Tangoveranstalter eher kritisiert als gelobt wird. Die Leute sehen ja oft nicht, wie viel Arbeit es macht, eine regelmäßige Milonga oder ein Festival zu organisieren. Mit der Planung sind wir das ganze Jahr über beschäftigt und gehen auch ziemlich hohe finanzielle Verpflichtungen ein. 

Zum Trasnochando-Fundraising
Website von Monica & Frank

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