„Erfahrene Tänzer sollten neue Leute besser integrieren“

Susanne Opitz und Rafael Busch führen gemeinsam die Schule Tangotanzen macht schön (TTMS). Im Gespräch erzählen sie, worauf es ihnen beim Unterrichten ankommt und warum Abgrenzung weder Tänzern noch Veranstaltern guttut.

+++++ Das Interview stammt vom Frühsommer 2019. Das TTMS und sein Team könnt ihr in der Coronakrise via Crowdfunding unterstützen oder indem ihr TTMS-gebrandete Beutel, Taschen oder Rucksäcke bei Susanne unter 0179 511 23 13 bestellt. +++++

Susanne Opitz und Rafael Busch
Das Lehrer-Duo Susanne Opitz und Rafael Busch.
Foto: Volker Beushausen

Inwiefern macht Tangotanzen schön?

Rafael: Der Tango ist für viele Tänzer ein Katalysator für eine persönliche Entwicklung. Es geht um Selbstwahrnehmung, um Berührung und Verbindung, um Kommunikation und die Fähigkeit, Konflikte lösen zu können, die beim Tanzen unentwegt auftreten. Wer Tango tanzt, tut nicht nur etwas Gutes für seinen Körper, sondern auch für seine Psyche.

Susanne: Beim Tanzen zeigt man sein Inneres – das berührt und offenbart eine besondere Art von Schönheit.

Wie kamt ihr zum Tango?

Rafael: Beide über das Theater, ganz unabhängig voneinander. Ich habe in Freiburg Tanztheater gemacht und sollte dort eines Tages einen Detektiv spielen, der auch Tango tanzt. Dafür nahm ich Unterricht in Basel – das ist ja nicht weit weg. Mich hat das so begeistert, dass ich kurz darauf gemeinsam mit meiner damaligen Freundin eine Tangoschule in Freiburg eröffnete. Das war 1993. Wir nutzten unsere Kontakte aus Basel, um Gastlehrer aus Argentinien einzuladen.

Susanne: Ich habe hier in Berlin Pädagogik studiert, mich aber immer schon sehr für Körperarbeit interessiert. Parallel zum Studium begann ich mit Pilates, tanzte Butoh und spielte Theater und Pantomime. Dann sollte ich für ein Theaterstück Tango lernen und das hat mich total geflasht! Dass sich zwei Menschen zusammen so bewegen können! Ich fand dann aber lange keinen Ort, an dem ich Tango so lernen konnte, wie es meinen Vorstellungen entsprach.

Was fehlte dir?

Susanne: Der Unterricht war Mitte, Ende der Neunziger sehr unflexibel. Man musste einen ganzen Kurs über 14 Wochen buchen. Es wurde ein festes Repertoire von Figuren unterrichtet, aber es mangelte an der Beschäftigung mit den Grundlagen. Ich verband Tango mit Pilates, weil das für mich gut zusammenpasste, und gab erste Kurse für Bekannte. Ab 2004 unterrichtete ich eine Zeit lang gemeinsam mit Thomas Rieser im Nou. In dieser Zeit lernte ich auch Rafael kennen.

Rafael: Ich hatte nach der Trennung von meiner Partnerin die Tanzschule in Freiburg aufgegeben und wollte in Berlin neu anfangen. Ich arbeitete in der Telekommunikationsbranche und nebenbei als Lehrer im Mala Junta. Susanne und ich fingen an, gemeinsam in unserer Loftwohnung Tangounterricht zu geben – das war der Beginn des Projekts „Tangotanzen macht schön“.

Susanne Opitz & Rafael Busch:

  • Susanne stammt aus Cottbus, Rafael aus Freiburg
  • Beide begannen in den 1990ern, Tango zu tanzen
  • Rafael unterrichtet seit 1993, Susanne seit 2003
  • Sie betreiben die Tanzschule Tangotanzen macht schön

Wie hast du eine passende Tangolehrmethode gefunden, Susanne?

Susanne: Erst als ich bei einem Festival in Leipzig einen Workshop bei den Argentiniern Dana Frígoli und Pablo Villarazza besuchte, fand ich, wonach ich gesucht hatte. Die beiden machten ein Warm-up und richtige Körperarbeit! Wie funktioniert Bewegung im Tanz, welche Kräfte wirken, wo ist die Achse? Genau nach diesem Zugang zum Tango hatte ich die ganze Zeit gesucht.

Rafael: Wir packten unsere elf Monate alte Tochter ein und gingen nach Buenos Aires. Dana und Pablo betrieben dort die Tanzschule DNI. Wir nahmen ein halbes Jahr lang Stunden und kamen mit vielen Ideen für unseren eigenen Unterricht zurück nach Berlin. Wir hatten schnell Erfolg: Die Leute rannten uns die Bude ein.

Habt ihr damals gleich eure Schule gegründet?

Susanne: Nicht sofort. Wir unterrichteten erst im Mala Junta und im Nou, dann auch im Art.13. Irgendwann wurde aber klar, dass wir was eigenes brauchen, um genau das machen zu können, was uns wichtig ist.

Rafael: Ich wusste schon, dass der Betrieb einer Tanzschule viel Arbeit macht. Susanne war klar die treibende Kraft. Sie hat diesen Ort hier in der Oranienstraße gefunden und das Studio aufwändig umbauen lassen. 

Susanne: Ich wollte keine halben Sachen machen. Für mich sind Qualität und Großzügigkeit auch Zeichen der Wertschätzung unseren Schülern gegenüber. Hier einen richtig guten Boden verlegen zu lassen, war sehr teuer. Aber der Boden ist nun mal das Herz einer Tanzschule. Dazu eine gute Musikanlage, professionelle Beleuchtung, eine Lüftung …

Rafael: Mir ist angesichts der Ausgaben ganz anders geworden. Aber es hat funktioniert: Im Mai 2019 konnten wir unser zehnjähriges Jubiläum feiern. Wir haben ein super Lehrerteam und die Schüler fühlen sich bei uns wohl.

Susanne: Und viele Milongaveranstalter mieten unseren Raum, weil es sich hier sehr gut tanzen lässt.

Die Berliner Tangoszene ist inzwischen groß. Zu groß? 

Rafael: Trotz der Größe und des wachsenden Wettbewerbs geht es in Berlin recht harmonisch zu. Viele Schulbetreiber und Veranstalter kennen sich. Wir alle wissen, dass in einer Riesenstadt Vernetzung besser funktioniert als Kampf. Das heißt aber nicht, dass es keine Konflikte gibt. Der Preisdruck durch steigende Mieten und das wild wachsende Angebot an Veranstaltungen gehen nicht spurlos an uns vorüber. Deswegen veranstalten wir unsere Milonga „Der schöne Freitag“ auch nicht mehr jeden Freitag. Es kamen zum Schluss einfach zu wenige Gäste. 

Susanne: Schade finde ich, dass bei den Milongas in Berlin inzwischen die Durchmischung fehlt. Abhängig von Tanzniveau und Alter gehen die Leute zu ganz unterschiedlichen Milongas. Bei Facebook kann ja jeder sehen, wo es die Crowd gerade hinzieht. Erfahrene Tänzerinnen und Tänzer sollten neue Leute besser integrieren, also auch mal eine Tanda mit einem Anfänger tanzen. Abgrenzung tut nicht gut, weder als Tänzer noch als Mensch.

Zum Crowdfunding fürs TTMS

Mehr Interviews mit Berliner Tangoschaffenden findet ihr hier und im Tango-Guide Berlin.